Sie befinden sich hier: Otto von Bismarck Stiftung Standort Friedrichsruh Forschen und Entdecken Sie befinden sich hier: Exponat des Monats Dr. Ulf Morgenstern

Standort Friedrichsruh

Dr. Ulf Morgenstern

Dr. Ulf Morgenstern

 

Zugegeben, erst wollten wir uns aus der kurz aber heftig geführten Debatte über den neuen Roman von Christian Kracht heraushalten. Aber die Stoffgrundlage zwingt eine zumindest schelmische Beschäftigung mit dem anhaltenden Interesse am Mythos „Deutsche Südsee“ geradezu auf. Das gilt auch und gerade weil die heutige Rezeption des Sujets zwischen überkommenen Stereotypen und unvoreingenommen Einsichten der "neuen Kolonialgeschichte", der "post-colonial-history" sowie der allgemeinen Kultur- und Sozialgeschichte osziliert und völlig uneinheitlich ist.[1]  Und dann brachte der Spiegel auch noch eine kurze Reportage über einen unbekleideten Japaner, der seinen wohlverdienten Ruhestand unter tropischer Inselsonne im Freien verbringt! Wegen all der schönen Assoziationen aus dem Bilderkreis von Sonnenbrand, Kokosnuss und dem Rilkeschen Imperativ: "Du musst dein Leben ändern", sei hier noch einmal eine faszinierend-befremdliche Facette deutscher Kolonialgeschichte nacherzählt, die nur wegen der jüngst wieder intensiv diskutierten Zustimmung Bismarcks zum deutschem Kolonialerwerb möglich wurde. Und sich dann zwei Jahrzehnte nirgendwo anders als auf einer Insel der "Neulauenburggruppe" ereignete und ihren wichtigsten Protagonisten mehrfach in das Bezirkskrankenhaus von "Herbertshöhe" brachte! Detailliert beschrieben hat den einzigartigen (Kokos-)Holzweg in eine leuchtende Zukunft der Wuppertaler Dieter Klein.[2] Golf Dornseif, ein weiterer Kenner der Vita des Nürnberger Exzentrikers August Engelhardt, hat eine anregend illustrierte Beschreibung der kokovorischen Irrungen und Wirrungen Engelhardts verfaßt, die online nachzulesen ist.

 

Als erster war jedoch Dieter Klein auf Engelhardts melanesischen Lebensabschnitt aufmerksam geworden. Er war aus philatelistischer Sicht zunächst fasziniert von einer für 25 DM erstandenen Postkarte aus dem Jahr 1904, auf der ein unbekannter Ausgewanderter aus der Südsee nach Deutschland schrieb: "Wir leben hier permanent nackt und genießen fast nur Früchte, vor allem die heilige Kokosnuß. Was sind die Städte: Friedhöfe des Glücks und Lebens, gegen mein palmengeschmücktes, ozeanumbraustes, sonnendurchglühtes Eiland?"[3] Im Laufe seiner Recherchen verwoben sich einzelne Fäden zu einem merkwürdigen Knäuel, das im Tod des tragischen Helden auf seiner Sonneninsel mündete. Begonnen hatte das Abenteuer Engelhardts im Jahr 1902, als der aus Nürnberg stammende Aussteiger mit pharmazeutischen Kenntnissen in die Südsee aufbrach. Schon zu diesem Zeitpunkt voller lebensreformerischer Ideen von befreiender Nacktheit und heilender Fleischlosigkeit kaufte Engelhardt eine Kokos-Plantage auf der Insel Kabakon. Das Eiland gehörte zum Bismarckarchipel, die nächst größere Insel hieß nach dem seit 1871 teilweise in Bismarckschem Besitz befindlichen, ehemals dänischen Herzogtum "Neu-Lauenburg". Schon in den ersten Monaten der Ankunft und des Einrichtens in seinem Tropenparadies beargwöhnten ihn seine deutschen Mitbürger in der Kolonie. Engelhardt kümmerte sich wenig bis gar nicht um die Plantage, sondern verbrachte seine Tage leicht- bis unbekleidet mit süßem Nichtstun. Außer Kokosnüssen nahm der fränkische Asket nichts zu sich und die Mangelernährung ließ sein erhitztes Philosophieren schon bald zum reinsten Irrlichtern werden. Tropenprofis in seiner Nachbarschaft zweifelten schon früh an seinen Geisteskräften: "In zwei Jahren landet der Mann im Irrenhaus, wenn er so weiter lebt [...]", urteilte etwa der deutsche Regierungsarzt Dempwolff ahnungsvoll.

Engelhardts schriftliche Auslassungen aus dieser Zeit zeigten in der Folge, wie recht der kaiserliche Schulmediziner hatte. Die später bei Engelhardt diagnostizierte unheilbare Paranoia kündigte sich bald mit Macht an, als der Sonderling seine Lehre des Kokovorismus entwickelte. Nach der war die am weitesten der Sonne entgegengereckt wachsende Kokosnuss die alleinseligmachende Nahrungsquelle für den Menschen, ihr anti-solares Gegenstück, die Kartoffel, brachte hingegen Verderben. Außer der Nussnahrung gehörten aber noch mehr Ingredienzien zum kokovorischen Heilsbrei. Der normale Nahrungsweg über den Magen war für Engelhardt eine unreine Illusion, vielmehr ernähre sich der Mensch von Sonnenkraft, die über die Haarwurzeln aufgenommen werde. Engelhardts Credo war bestechend einfach: "Nackter Kokovorismus ist Gottes Wille. Die reine Kokosdiät macht unsterblich und vereinigt mit Gott."[4] Das Tragen von Kopfbedeckungen war für ihn daher ein unhaltbarer Frevel. Die Folgen aus diesem Bekleidungs-Leichtsinn, gepaart mit der ernährungsphysiologisch-fatalen Kokosdiät und seinen mitgebrachten religiös-lebensreformerischen Idealen schufen einen Geistes- und Bewußtseinszustand, der tödlich enden sollte. Und zwar nicht nur für Engelhardt selbst.

Sein Sendungsdrang lockte bald Nachahmer an, die den Vollmundigkeiten in den Anzeigen Engelhardts in diversen lebensreformerischen Zeitschriften vertrauten. In dem breiten Spektrum der gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstehenden Lebensreformbewegung(en) kreierte Engelhardt mit seinem vegetarischen Nudismus à la Kabakon eine neue Spielart aus Freikörperkultur und Ernährungsreform.[5] Zum naturnahen Nacktsein und der pflanzlichen Ernährung, zwei wichtigen Säulen des Reformgebäudes [6], kam noch des Hauch des Exotismus durch die Umsetzung der Ideen unter der Sonne der Tropen. Engelhardts Robinsonade auf der seit dem 19. Mai 1885 zum neuen "Bismarckarchipel" gehörenden Insel Kabakon [7] endete also bald mit der Ankunft der ersten vom ihm geworbenen Sonnenanbeter.

Der erste Kokosjünger stammte zwar von einer Insel, war den sonstigen Bedingungen auf Kabakon aber offenbar nicht gewachsen: Sechs Wochen nach seiner Ankunft war der 24jährige Helgoländer tot. Engelhardt konnte das aber nicht irre machen. Sein nächster Kommunarde war ein zeitgenössischer Prominenter. Den Kapellmeister, Klavier- und Geigenvirtuose Max Lützow führte eine Sinnsuche nach Kabakon und noch nach zwei Monaten war er restlos begeistert. Seine idealisierten Beschreibungen des Eilands in der "Vegetarischen Warte" verfehlten ihre Wirkung nicht: Engelhardts Insel wurde das Ziel etlicher Aussteiger mit fleischlosen Outdoor-Gelüsten. Allerdings hielten die Wunschvorstellungen von einem harmonischen Leben in einer tropischen Urgemeinschaft den Realitäten auf Kabakon nicht stand. Enttäuscht, ausgezehrt und krank verließ ein Kokovore nach dem anderen die Insel. Zuletzt war im Februar 1905 auch Lützow so malade, dass er fluchtartig die Insel verließ. Zu seinem Unglück geriet er mit seinem Segelboot in einen Monsunsturm, kenterte und verstarb kurz nach seiner Rettung.

 

Hippies avant la lettre: August Bethmann, unbekannte Kokovorin (die Braut Bethmanns?) und August Engelhardt unter einer Kokospalme auf Kabakon 1906 (aus: Hiery, Die Deutsche Südsee, s. Anm. 2)

 

Engelhardt selbst blieb eisern und kaute weiter Fruchtfleisch. Und das Schicksal schien ihm mit der Ankunft August Bethmanns zunächst recht zu geben. Der Naturschriftsteller war ein alter Bekannter des Sonnenapostels und rührte nun gemeinsam mit diesem die Werbetrommel. Als Engelhardts abgemagerter Körper zunehmend einen Zustand Transzendenz erreichte - er wog bei 1,66 m Körpergröße gerade noch 39 Kilo, wurde es Bethmann bange und er zwang seine missionarischen Freund zur Einlieferung ins Krankenhaus in Herbertshöhe. Die Ärzte hatten zunächst wenig Hoffnung, päppelten den Krätze- und wohl auch Leprakranken aber mit Medizin und Fleischbrühe wieder auf. Kaum konnte der Patient aber wieder auf eigenen Beinen stehen, verließ er das Hospital und beschimpfte seine Retter wegen angebllicher Mordversuche durch die Gabe von nichtpflanzlicher Nahrung. Selbst der Kokovore Bethmann wollte seinen wirren Meister nun nicht mehr um sich haben und entschloß sich Kabakon zu verlassen. Im Juni 1906 konnte er diesen Plan aber nicht mehr umsetzen, denn er starb noch auf der Insel. Dieter Klein berichtet von einem Gewalthintergrund, Engelhardt soll in heftigen Streit mit Bethmann geraten sein, bei dem es nicht nur um die kokovoren Ideale, sondern auch um Bethmanns weibliche Begleitung gegangen sein soll.

Erneut blieb Engelhardt bei seinen Plänen, konnte aber keine neuen Jünger mehr zum Verlassen Europas bewegen. 1909 gab er den Orden auf, stellte zur Bewirtschaftung der Plantage einen geschäftsführenden Teilhaber ein und wirkte fortan als Privatgelehrter. Der selbsternannte Philosoph war in Deutschland in der Zwischenzeit eine Bekanntheit geworden und die (wenigen) Südseereisenden machten nun gelegentlich einen Abstecher nach Kabakon, um den merkwürdigen Heiligen zu sehen. Im Ersten Weltkrieg war er kurzzeitig interniert, konnte sich dann aber - längst nicht mehr Eigentümer der Plantage - auf Kabakon botanischen Studien widmen. Diese blieben auf Laienniveau und waren von vornherein wohl nicht biologisch- oder pharmazeutisch-wissenschaftlich motiviert, sondern speisten sich aus Engelhardts übersinnlicher Suche nach unbekannten Heilkräften. Diese scheint er nicht gefunden zu haben, denn im Mai 1919 starben kurz nacheinander Engelhardt und sein Teilhaber. Der letzte Besitzer der Planatge warf den größtenTeil des Engelhardtschen Besitzes ins Meer.

Bei Christian Kracht lebt der Kokophage (Kokosesser) noch weiter bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg weiter. Er erlebt das Ende des europäischen, nicht nur des deutschen Kolonialismus und man fragt sich in einem Hang zu kontrafaktischer Geschichtsschreibung, wie der mittlerweile 80jährige ehemalige Nürnberger Apotheker die Welt dann wohl gesehen hätte. Nach einer Million verzehrter Kokosnüsse und fünf Jahrzehnten höchster Luxdosen auf das ungeschützte Haupt... Stoff für das Weiterspinnen seines Lebens drängt sich gerade zu auf, so dass Krachts Roman nicht der letzte sein wird [8], der sich mit diesem Exzentriker beschäftigt.

[1]  Siehe zu erstem etwa den maßlos überzogenen Verriss des Krachtschen Romans durch Georg Diez, Die Methode Kracht, in: Der Spiegel 7 (2012), S. 100 - 103. Partei für Kracht nimmt Cornelius Tittel, Wie man aus Christian Kracht einen Nazi macht, in: Die Welt vom 17. Februar 2012, ein. Abgewogen urteilt auch Christopher Schmidt, Die Ritter der Kokosnuss, in: Süddeutsche Zeitung vom 16. Februar 2012, S. 11.

[2]  Vgl. Dieter Klein, Neuguinea als deutsches Utopia: August Engelhardt und sein Sonnenorden, in: Hermann Joseph Hiery (Hrsg.), Die deutsche Südsee 1884 - 1914. Ein Handbuch, Paderborn u.a. 2001, S. 450 - 458.

[3]  Zitiert nach Jan Grossarth, Die Retter des Kokosnuss, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30. Juli 2009.

[4] Dieter Klein, Neuguinea als deutsches Utopia, wie Anm. 2, S. 452. Zu Engelhardts Sonnensekte s. weiterhin Susanne Leinemann, Der Orden der Fruchtesser, in: mare. 83 (Dezember 2010/ Januar 2011); oder Karl Baumann, Art.: Engelhardt, August, in: Biographisches Handbuch Deutsch-Neuguinea 1882-1922, 3. Aufl. Fassberg 2009, S. 123-125.

[5]  Vgl. dazu Uwe Schneider, Nacktkultur im Kaisereich, in: Uwe Puschner u. a. (Hrsg.), Handbuch zur "völkischen Bewegung" 1871 - 1918, München 1996, S. 409 - 435; Ralf Koerber, Freikörperkultur, in: Diethart Kerbs/Jürgen Reulecke (Hrsg.), Handbuch der deutschen Reformbewegungen, Wuppertal 1998, S. 103 - 114; Judith Baumgartner, Ernährungsreform, in: ebd., S. 115 - 126; Dies., Vegetarsimus, in: ebd., S. 127 - 139.

[6]  Vgl. zum Nudismus um 1900 etwa die einschlägigen Darstellungen von Michael Andritzky/Thomas Rautenberg, "Wir sind nackt und nennen uns Du". Von Lichtfreunden und Sonnenkämpfern. Eine Geschichte der Freikörperkultur, Gießen 1989; Freikörperkultur und Lebenswelt . "Studien zur Vor- und Frühgeschichte der Freikörperkultur", Kassel 1999; Giselher Spitzer, Der deutsche Naturismus. Idee und Entwicklung einer volkserzieherischen Bewegung im Schnittfeld von Lebensreform, Sport und Politik, Diss. Ahrensburg 1983.

[7]  Engelhardts "Kabakon", das außer von ihm von 40 bis 50 Melanesiern bewohnt wurde, lag als kleine Insel neben der zuvor und seit 1918 wieder "Duke-of-York"-Insel genannten Insel "Neu-Lauenburg". Die übrigen zum Bismarck-Archipel gehörenden Hauptinseln waren "Neumecklenburg" und "Neupommern". Vgl. Horst Gründer, Die historischen und politischen Voraussetzungen des deutschen Kolonialismus, in: Hermann Joseph Hiery (Hrsg.), Die deutsche Südsee 1884 - 1914. Ein Handbuch, Paderborn u.a. 2001, S. 45.

[8] Ein halbes Jahr vor Christian Kracht, Imperium, Köln 2012, erschien eine nicht minder lesenswerte literarische Bearbeitung des faszinierenden Stoffes: Marc Buhl, Das abenteuerliche Leben des August Engelhardt, Frankfurt a. M. 2011

Bismarck stürmt! Oder besser: er stürmte.

Mittwoch, den 28. März 2012 um 06:45 Uhr unter Aktuelles

Wer hätte gedacht, dass die deutsche Einwanderung nach Brasilien außer dem bekannten Siedlungsprojekt Blumenau noch ganz andere Spuren hinterlassen hat? Von der europäischen Fußballszene unbemerkt spielte sich seit 1987 Bismarck Barreto Faria in die Herzen der Fans von Vasco da Gama, einem der drei großen Fußball-Clubs von Rio de Janeiro. Der 1969 geborene Mittefeldspieler gewann zwar keine großen nationalen Titel, gehörte aber zu der brasilianischen U 20- Mannschaft, die 1989 in Saudi-Arabien Weltmeister wurde. Im gleichen Jahr hielt Bismarck den Amerika-Cup in der Hand, den Brasilien gegen Uruguay holte. Auch die deutsche Weltmeister-Elf von 1990 hätte vor dem südamerikanischen Bismarck zittern müssen, wenn, ja wenn, Brasilien nicht schon im Achtelfinale gegen Argentinien ausgeschieden wäre. Wie viele andere brasilianische Spieler auch versuchte Bismarck sein Glück im Ausland. Von 1993 bis 2002 spielte Bismarck in Japan (Yomiuri Verdy in Tokio und Kashima Antlers), wo er mehrfach unter die elf besten Spieler der ersten Liga gewählt wurde. 2002 kehrte Bismarck zurück an den Zuckerhut und spielte für Fluminense, danach auch noch für den in der zentralbrasilianischen Stadt Goiania beheimateten Club Goiás. An seine früheren Erfolge konnte er aber nicht mehr anknüpfen. 2003 wechselte Bismarck noch einmal in Japan und spielte diesmal für Vissel Kobe. Anders als sein deutscher Namensvetter beendete Bismarck seine Karriere mit 34 Jahren, auch beleidigtes Nachtreten ist von ihm nicht überliefert.

Einmal mehr macht die Bild-Zeitung ihrem Namen alle Ehre und bringt ein äußerst symbolträchtiges Foto: Aus Anlaß eines Interviews überreichten Bild-Journalisten dem Präsidenten der Europäischen Zenrtalbank eine Pickelhaube, die ihn an preußische Tugenden erinnern soll. Gemeint haben die zur Ironie neigenden Redakteure wohl in erster Linie Sparsamkeit, die sie dem seit 2011 amtierenden obersten Währungshüter nahe legen wollen, denn Draghi ist ungeachtet seiner unzweifelhaft herausgehobenen Eignung für sein Amt vor allem eines: Italiener! Dass das fast schon traditionell krisen- und korruptionsgeplagte Italien (gegen Draghis Vorgänger als italienischer Notenbankchef ermittelt die Staatsanwaltschaft) im Moment von anderen südlichen Ländern in der negativen Aufmerksamkeit des vermeintlich disziplinierteren Deutschland überschattet wird, stört da nicht. Vorurteil bleibt Vorurteil. Und der Kontrast springt ohne Verzögerung ins Auge, das journalistische Kalkül geht auf. Dass die Pickelhaube laut Bildunterschrift auch noch aus dem Jahr der Reichsgründung stammen soll, unterstreicht noch die Absicht der politischen Aufladung des Präsentes. Denn auch in den Augen der europäischen Nachbarn begann im Jahr 1871 der rasante Machtzuwachs (Klein-)Deutschlands, dessen politischer und wirtschaftslicher Aufstieg auf engste mit dem "Urpreußen" Otto von Bismarck verbunden war. Und dem war der preußische Pickel der Pickelhaube ja bekanntermaßen buchstäblich auf dem kahlen Haupt fest gewachsen.

So wäre die Aussage des Bildes noch stärker nur vorstellbar, wenn ein italienischer NATO-Generalsekretär Deutschlands auflagenstärkster Tageszeitung ein Interview geben würde. Aber ob es den je geben wird? Draghi dürfte das gleichgültig sein, er nahm da etwas andere Geschenk mit Humor an.

 

 

 

Mit ihrem geschichtspolitischen Bewußtsein dürften die Radebeuler momentan in der Bundesrepublik eine Ausnahme sein. Denn wo sonst wird gerade ein Bismarckturm mit Enthusiasmus und Tatendrang restauriert, mit dem Ziel, ihn buchstäblich zu retten und der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen? Der Dresdner Vorort, in dem einst der ideenreiche Schriftsteller Karl May lebte, birgt offenbar dieses seltene Potential an bürgerschaftlichem Engagement für einen scheinbar aus dem Mode gekommenen architekturgeschichtlichen Klotz. Hier ist nicht der Ort, die Geschichte aller 234 Bismarcktürme und -säulen zu erzählen, die zwischen 1869 und 1934 in Deutschland und seinen überseeischen Kolonien errichtet wurden. Ganz sicher ist der Radebeuler Turm aber ein besonderer, denn er wurde nach einem Entwurf eines Freundes von Karl May 1907 gebaut, hat also einen doppelt-berühmten lokalgeschichtlichen Bezug. [1]

Der Architekt Wilhelm Kreis (1873-1955) lehrte von 1902 bis 1909 als Professor für Raumkunst an der Kunstgewerbeschule Dresden und zeichnete in dieser Zeit für etliche neobarocke Bauwerke verantwortlich. Kreis war ein Schüler Paul Wallots (1841-1912), der in Berlin den Reichstag und in Dresden das Ständehaus, den alten Landtag an der Brühlschen Terrasse, gebaut hatte, und wer sich die von Kreis stammende neue Friedrich-August-Brücke (sie ersetzte die alte Augustusbrücke) anschaut, erkennt die ästhetische Verwandtschaft. Gemeinsam mit dem Illustrator der Karl-May-Bände, Sascha Schneider, weilte Kreis häufiger bei May in der idyllischen Weinstadt Radebeul, die damals noch vor dem Toren der Landeshauptstadt lag. Bei solchen Gelegenheiten mag Kreis in Berührung mit örtlichen Honoratioren gekommen sein, denen er als Referenz schon seinen Entwurf für den 1906 begonnenen Bismarck-Turm in Jena, auf dem Malakoff des Tatzend, vorzeigen konnte. Die Radebeuler waren offenbar überzeugt und setzten den Bau rasch in die Tat um. Am 30. April 1906 wurde der Grundstein gelegt und bereits am 2. September konnte die Einweihung gefeiert werden; die Jenenser bauten noch bis 1909 weiter!

Verzichtet wurde damals allerdings auf den Einbau einer Treppe, obwohl das Projekt 1913 noch einmal ernsthaft diskutiert wurde. Geldknappheit, der bald einsetzende Erste Weltkrieg und die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in dessen Folge verhinderten die Umsetzung einer Aufstiegsmöglichkeit. Diese soll bei den Restaurierungsentwürfen der Jahre 2011/12 endlich realisiert  werden. Durch ein Schiebedach soll man auf den 18 m hohen Turm treten und den Rundblick ins Elbtal und die Radebeuler und Lößnitzer Weinberge genießen können. Verantwortlich für die Pläne zeichnet der Verein für Denkmalpflege und neues Bauen Radebeul. Seit 2007 versucht er die Idee in die Tat umzusetzen, den Turm wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Stolze 210.000 Euro sollen eingeworben werden, um das alte Gemäuer zu stabilisieren und vom Fundament bis zur Spitze begehbar zu machen. Die kühnen Radebeuler Restaurateure planen zudem als Highlight eine Videoinstallation, die von der Turmspitze aufgezeichnete Bilder mit Impressionen aus der Geschichte Radebeuls mischt und auf einer ringförmigen Projektionsfläche an den Innenwänden des Turms sichtbar macht. Hier sieht man buchstäblich die begeisterten sächsischen Ingenieure vor sich, die das Industrie- und Wissenschaftsland seit 200 Jahren prägen! [2] Der Turm wird wie viele andere Bismarcktürme verschließbar sein, allein schon um Vandalismus zu verhindern. Ein Verein soll sich schließlich um den Betrieb der Immobilie kümmern. Bis 2015, dem auch in diesem Hause freudig entgegen gesehenen 200. Geburtstag Otto von Bismarcks, sollen die Vorhaben in die Tat umgesetzt werden.

Um diesen hochfliegenden Plänen eine solide Grundlage geben zu können, sind die Sachsen auf Spenden angewiesen, die etwa durch Stifterbriefe eingeworben werden sollen. Die wissenschaftliche Bismarckforschung kann diese gegenwartsbezogene Initiative um einen erinnerungs- und geschichtspolitischen Ort der kaiserzeitlichen Bismarckverehrung- und verklärung nur begrüßen. Erfolg und Glück wünscht der Autor freilich auch, weil er als gebürtiger Dresdner dem Radebeuler Turm näher steht als vielen der übrigen 233 Bismarcktürme.

[1] Im Referenzwerk zum Thema  (Günter Kloss/Sieglinde Seel, Bismarcktürme und Bismarcksäulen. Eine Bestandsaufnahme, Petersberg 1997, S. 134) ist unter der hier verwendeten Abbildung das Jahr 1985 angegeben, mitten in der Sachsen- und Preußenrenaissance also, die in den 1980er Jahren nicht zufällig parallel zum Herbst der sozialistischen Diktatur aus dem wiedererstarkten Heimatbewußtsein vieler DDR-Bürger entstand. Vgl. Ulf Morgenstern, Sächsische (Dis-)Kontinuitäten und die "Sachsenrenaissance". Von Verschwinden und Wiederkehr Sachsens in den vier Jahrzehnten der DDR, in: Konstantin Hermann (Hrsg.), Sachsen seit der Friedlichen Revolution. Tradition, Wandel, Perspektiven (=Saxonia. Schriften des Vereins für sächsische Landesgeschichte, Bd. 12), Beucha 2010, S. 28-45.

[2] Dem Artikel der Sächsischen Zeitung "Sifterbriefe sollen Bismarckturm retten" vom 17. Februar 2012 sind die Namen von fünf Radebeuler Architekten und Statikern zu entnehmen, die bereits Vorentwürfe geleistet haben. Sie seien neben dem Vorsitzenden des Denkmalschutzvereins Jens Baumann ausdrücklich genannt: Klaus Löschner, Thomas Scharrer, Hans Dieter Blanek, Henning Liebau und Gunar Richter.

Bis in die Gegenwart dominiert der Nationalstaat unser historisches Bewusstsein. Die Großreiche Europas waren dagegen schon in den Augen der Zeitgenossen unzeitgemäße Gebilde. Aber Empires prägten die Geschichte Europas weit länger und stärker als die historisch relativ späte Erfindung des Nationalstaats. Der Freiburger Historiker Jörn Leonhard zeigt in seinem Vortrag in der Otto-von-Bismarck-Stiftung, Friedrichsruh, wie die Habsburgermonarchie, das Zarenreich, das Osmanische Reich und das Britische Empire im 19. Jahrhundert auf die Vielfalt ihrer Herrschaftsstrukturen und ethnischen Gruppen reagierten und sich zugleich mit dem Modell des Nationalstaats auseinandersetzten. Die Vortragsveranstaltung am Donnerstag, dem 8. März 2012, beginnt um 19.30 Uhr im Stiftungsgebäude, Am Bahnhof 2, 21521 Friedrichsruh. Der Eintritt ist wie immer frei.

Das Deutsche Kaiserreich hatte von Januar 1871 bis November 1918 Bestand. 47 lange Jahre lang hielt sich also die Bismarcksche Staatsschöpfung, davon bis zum Sommer 1914 ganze 43 Friedensjahre lang. Diese Zeitspanne ohne kriegerische Auseinandersetzungen mit den europäischen Nachbarn wurde erst 1993 von der wiedervereinigten Bundesrepublik überholt, mittlerweile befinden wir uns im 63. Friedensjahr der parlamentarischen Demokratie. Mit dem Blick zurück ins 19. Jahrhundert kann es nicht überraschen, das den Zeitgenossen die mit einer ungekannten wirtschaftlichen Prosperität einhergehenden langen Jahrzehnte ohne Krieg wie eine einzige Erfolgsgeschichte vorkamen, an den kolonialen Kriegen des Deutschen Reiches in Afrika hatte schließlich nur ein ganz kleiner Teil der waffenfähigen jungen Männer teilgenommen. Die überspannten Erwartungen im August 1914, als Freiwillige die mit Kreideaufschriften über ein Weihnachtsfest in Paris beschrifteten Züge an die Front bestiegen, erklären sich aus dieser Weltsicht. Während im 19. Jahrhundert noch fast jede Generation an irgendeinem Krieg teilgenommen hatte und sich die Grausamkeit immer wieder neu ins Bewußtsein der Deutschen eingeschliffen hatte, waren die zu Wohlstand gekommenen, mehrheitlich national gesinnten Wilhelminer die ersten, denen nur die Erzählungen der Alten den Krieg nachbrachten, woraus sich eine nach zwei Weltkriegen nur noch schwer zu begreifende Naivität gegenüber dem Thema speiste.

Einer, der diese Naivität nicht teilte, sondern vielmehr zu den kritischen Intellektuellen und Künstlern der Zeit gehörte, ist der Lyriker Christian Morgenstern. Seine Lebensdaten markieren wie die keines anderen Anfang und Ende auch des Reiches, in dem er lebte: Der Bayer kam vier Monate nach der Reichsgründung am 6. Mai 1871 in München zur Welt und starb, seit 1881 an Tuberkulose erkrankt, am 31. März 1914 in Meran. Wie andere expressionistische und dadaistische Dichter seiner Zeit, konnte er seiner auf Äußerlichkeiten fixierten Zeit und den oft zur bloßen Form geronnen Maniriertheiten des durchmilitarisierten Preußendeutschlands nur kopfschüttelnd gegenüber treten, seine komische Lyrik nimmt diese Gegenwart auf einzigartige Weise auf die Schippe (dies ist freilich eine ganz holzschnittartige Interpretation, Morgensterns Schaffen ist ein hochkomplexes Universum in sich). Sein bekanntestes Werk ist das unausprechliche "Fisches Nachtgedicht" (s. oben), das nichtsdestotrotz immer wieder gern "performt" wird. Reizvoll sind diese Auftritte vor allem deshalb, weil das menschliche Kommunikationssystem keine Imitationsmöglichkeit für den Sprachaustausch der Fische hat, umso lustiger sind die blubbernden Versuche, sich durch die Zeilen Morgensterns zu "lesen".

Faszinierend ist in diesem unterseeischen Zusammenhang das Auftauchen einer weiteren sensationellen Tonaufnahme aus dem späten 19. Jahrhundert, für das die Titanic verantwortlich zeichnet. Die Assoziation Bismarcks mit dem nach ihm benannten Hering wurde nie schöner umgesetzt als in diesem minimalstischen Unterwasserfragment. Vielen Dank, liebe Titanic! Was schon Helmut Kohl und andere von Dir verballhornte Größen wußten, spürt nach dem Rummel um seine Stimme auf einer alten Walze endlich auch wieder der zu Lebzeiten oft karikierte Otto von Bismarck: Wer satirisch behandelt wird, der hat es geschafft. Herzliche Grüße aus dem Sachsenwald nach Frankfurt!

Bismarck und der DGB.

Montag, den 19. Dezember 2011 um 10:36 Uhr unter Aktuelles

Methodische Betrachtungen über den "iconic turn" und mögliche Anregungen für die "animal history"

 

Wissenschaftliche Schwerpunktsetzungen unterliegen Konjunkturen. Wenn ein neuer Virenstamm aus dem Westnilgebiet über die USA nach Griechenland gelangt, haben beispielsweise deutsche Immunologen gute Chancen auf eine Projektbewilligung durch eine EU-Förderagentur, das liegt auf der Hand. Und was wie selbstverständlich für naturwissenschaftliche Themen gilt, kann abgewandelt auch in den Geisteswissenschaften zutreffen. Ganz allgemein kann etwa nicht nur für die Geschichtswissenschaft gesagt werden, daß ein seismographisches Nachvollziehen gesellschaftspolitischer Großwetterlagen in Antragstexten für Drittmittelprojekte deren Erfolg erhöht. Die inhaltlichen und methodischen Verschiebungen der Jahrzehnte nach 1968 können hier in vielerlei Gestalt Beispiele liefern.

Kommen dann noch methodische Innovationen hinzu, die alte Gegenstände in neuem Licht zu betrachten versprechen oder gar ganz neue historische Phänomene zu erkunden versuchen, kann es - da öffentliche Resonanz garantiert - zu einer regelrechten Modewelle kommen, auf die gern andere mit aufspringen. Als besonders fruchtbar erwiesen sich hier vor allem Anleihen aus dem breiten Methodenspektrum der Sozial- und Kulturwissenschaften, die mehrfach zu sogenannten "(cultural) turns" führten. Wie nachhaltig die jeweilige "Wende" war oder ist, kann heute in vielen Fällen noch nicht ermessen werden. Der Erfolg des nahezu 100 Jahre alten "linguistic turns" ist eine Tatsache, kein Historiker wird heute mehr an der banalen Aussage vorbeikommen, daß die (Quellen-)Sprache mehr weiß als ihre Benutzer. Die Hinwendung zu Orten und Schauplätzen als Determinanten historischer Entwicklungen, wie sie Karl Schlögel in seinem phantastischen, 2003 erschienenen Buch "Im Raume lesen wir die Zeit" vorgemacht hat, haben ihm hingegen bisher nur wenige explizit nachgemacht; der vielversprechende "spatial turn" läßt in der Breite des Faches Geschichte bislang auf sich warten. In einem anderen Fall ist die Verbindung von neuem-alten Gegenstand mit (scheinbar) neuem methodischen Herangehen erfolgreicher gewesen. Denn wenn Historiker seit einigen Jahren Bilder betrachten, und somit nichts weiter tun, als eine zuvor gelegentlich vernachlässigte Quellengattung stärker zu untersuchen, sind sie auf der Höhe fachlicher Innovation, haben sie doch das Postulat des "iconic turns" verinnerlicht. Daß hier beileibe nicht alles sensationell oder überhaupt neu ist, belegt der Blick in die Literatur. In Bezug auf Bismarck sei pars pro toto nur auf zwei einschlägige Titel hingewiesen, die die Rezeption bidwissenschaftlicher Arbeitsweisen in der Geschichte schon vor mehr als zwei Jahrzehnten dokumentieren [1].

Fruchtbarer als die nicht selten etwas konstruiert wirkenden "(cultural) turns", die vornehmlich neue Betrachtungsweisen versprechen, sind in der Geschichtswissenschaft aber immer noch die originellen Fragestellungen. Das Aufgreifen ganz neuer Themen(bereiche) ist in den letzten beiden Jahrzehnten vor allem mit seinem erfolgreichsten Beispiel, dem Schlagwort "Gender"verbunden, wobei hier die Grenzen zwischen neuem Gegenstand und neuen methodischen Herangehensweisen fließend sind.

Ein neues altes Thema hat in den letzten Jahren vor allem durch die soliden, mode-unverdächtigen Bemühungen des Paderborner Historikers Rainer Pöppinghege Aufmerksamkeit gewonnen: das der "Animal History". In einem in der deutschsprachigen Literatur bisher einzigartigen Sammelband hat Pöppinghege Arbeiten zusammengeführt, die das breite Feld der Nutzung tierischer Fähigkeiten durch den Menschen im Krieg vermessen [2]. Hier zeigt sich, wie fruchtbar eine diachrone Zusammenstellung, an sich heterogener Themen sein kann. Daß bis in die allerjüngste Vergangenheit ohne Pferde kein Krieg zu führen war, ist eine nur vordergründig banale Einsicht. Ihr werden in komplexen Beiträgen zahlreiche andere tierrische Beispiele an die Seite gestellt  (Bienen, Elefanten, Maultiere, Brieftauben usw.).

Eine ähnlich vielversprechende epochenübergreifende Fragestellung aus dem spannenden Verhältnis Mensch-Tier ist das der Indienstnahme von Tieren für die Persönlichkeitsinszenierung. So wurden Tiere bis ans Ende der frühen Neuzeit vor allem zur Herrschaftsinszenierung herangezogen. Besonders seltene Arten wie Pfauen sollten den schillernden Reichtum der Herrscher verdeutlichen, besonders starke Tiere symbolisierten zudem die Macht und Kraft des Potentaten, zu denken ist etwa an den Elefanten, auf dem der zu überseeischem Reichtum gekommene portugisiesche König Manuel im frühen 16. Jahrhundert durch das staunende Lissabon ritt oder die zahllosen Löwen und Panther an europäischen Höfen der Jahrhunderte danach.

Etwas harmloser erscheinen da die Herrscherproträts mit Hunden, den scheinbar volkstümlichsten Tieren. Am häufigsten sind Hunde im Umfeld von Jagden oder Ausritten gemalt, die gehören hier als unabdingbares Accessoire zum emblematischen Inventar. Im Zeitalter der Fotographie scheint sich das zu ändern, denn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm das Halten von Hunden zu reinen Hobbyzwecken stark zu. In manchen gesellschaftlichen Sphären gehörte der Hund gewissermaßen dazu, ob das nun praktisch war oder nicht, im Falle der eigentlich an Hörsäle gebundenen Studenten darf das bezweifelt werden [3].

Das nebenstehende Foto Bismarcks mit seinen Doggen "Tyras" und "Rebecca" ist eine Ikone aus dieser Zeit und steht symbolhaft für den gesamten Bereich "Mensch (=Mann) und Hund" im ausgehenden 19. Jahrhundert [4]. Es ist nicht das einzige Bild Bismarcks mit seinen Hunden, was nicht wundert, denn der Kanzler ließ sich nicht nur in Friedrichsruher Mußestunden mit seinen Hunden ablichten, sondern erschien mit seinen tierischen Begleitern auch auf Kurreisen oder bei der Regierungsarbeit in Berlin. Legendär ist der Angriff von Tyras auf den russischen Außenminister Gortschakoff, dem beim Berliner Kongreß 1878 unerwartet die Hosen zerrissen wurden. Auch der Berliner Bürger konnte den hochgewachsenen Pommern mit seinen riesigen Tieren, die er übrigens selbst züchtete, gelegentlich durch das Zentrum der Reichshauptstadt spazieren sehen - daß Bismarcks Doggen bald die "Reichshunde" hießen, war da nur eine Frage der Zeit. Bismarck war hier ganz Kind seiner Zeit, die schichtübergreifend auf den Hund kam. Bewußt oder unbewußt wählte er die seinerzeit größte Rasse aus, die erst Dänische, dann nach 1864 Ulmer und später Deutsche Dogge hieß. [5]

Andere deutsche Herrscher und Politiker hielten keine Doggen mehr, zu sehr waren diese mächtigen Tiere mit der den Obrigkeitsstaat symbolisierenden Figur Bismarcks und seinem rigiden Politikstil verbunden. Welcher Hund hätte besser dazu gepaßt als die riesigen Doggen, deren Schulterhöhe schon Bismarcks Zeiten gelegentlich einen Meter erreichten? Obwohl die Futterkosten wohl keine Rolle spielen dürften, hält Königin Elisabeth II. von England Corgies. Praktische Gründe dürften für die seit Jahrzehnten zwischen dem Londoner Buckingham Palace, dem nahen Windsor und dem schottischen Balmoral pendelnde Monarchin ausschlaggebend für die Rassenwahl gewesen sein. Und schon Wilhelm II. wollte wohl nicht nur moderater wirken als Bismarck, sein ihn häufig begleitender Dackel "Waldmann" ist jedenfalls nicht als Gewalttäter in die Geschichte eingegangen. Über Hitlers Tierliebe braucht hier nichts geschrieben zu werden und auch die Tierliebe der Politiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts könnte hier nur streiflichtartig angerissen werden.

Interessant ist das Thema aber ungemein und eine Kulturgeschichte des Hundes an der Seite der Mächtigen ist ein beklagenswertes Desiderat. So könnten in einer Verbindung von soziologischen, psychologischen, ikonographischen und allgemeinhistorisch hermeneutischen Methoden Inszenierungs- und Repräsentationstechniken analysiert und so eine tatsächlich bisher unbeachtete Facette der Politikgeschichte sichtbar gemacht werden. Vielleicht wäre dann auch zu verstehen, warum sich der gegenwärtig höchste Repräsentant der organisierten Arbeitnehmer Deutschlands, der seinem Anspruch nach die Arbeiterschaft in toto vertretende DGB-Vorsitzende Michael Sommer, für ein Interview in der BILD-Zeitung im Dezember 2011 ausgrechnet in schwerer Lederjacke mit seinen Doggen "Hannah" und "Theo" fotographieren ließ.

 

[1] Thomas W. Gaethgens, Anton von Werner. Die Proklamierung des Deutschen Kaiserreichs. Ein Historienbild im Wandel preußischer Politik, Frankfurt a.M. 1990; sowie der Ausstellungskatalog "Der Lotse geht von Bord. Zum 100. Geburtstag der weltberühmten Karikatur, hrsg. v. Herwig Guratzsch, Bielefeld [1991].

[2] Rainer Pöppinghege (Hrsg.), Tiere im Krieg. Von der Antike bis Gegenwart, Paderborn 2009. Aus der englischsprachigen historischen Literatur verwiesen auf Linda Kalof/Brigitte Resl (Hrsg.), A culural history of animals, 6 Bde., London 2008.

[3] Vgl. Barbara Krug-Richter, Hund und Student - eine akademische Mentalitätsgeschichte, in: Jahrbuch für Universitätsgeschichte 10 (2007), S. 77-104.

[4] Wolfgang Wippermann, Biche und Blondi. Tyras und Timmy. Repräsentation durch Hunde, in: Lutz Huth/Michael Krzeminski (Hrsg.), Repräsentation in Politik, Medien und Gesellschaft, Würzburg 2007, S. 185-202.

[5] Vgl. ebd. S. 192.

112 Jahre Königreich Bayern auf einen Klick

Dienstag, den 29. November 2011 um 08:41 Uhr unter Aktuelles

Eine schöne Unterseite auf dem ohnehin ansprechenden Internetauftritt des Hauses der Bayerischen Geschichte informiert seit neuestem über das Königreich Bayern. Wie in Württemberg und Sachsen hob der an der Schwächung Österreichs und Preußens interessierte Kaiser der Franzosen Napoleon im Jahr 1806 auch in Bayern ein Königreich aus der Taufe. In der Wiener Schlußakte gehörte der Bestand dieser neuen deutschen Königreiche, im Grunde völlig ahistorische Staatsformen von Napoeleons Gnaden, zu den Kernpunkten. Bis 1918 saßen dann in München sechs bayerische Könige auf dem Thron, die letzten drei im preußisch dominierten Deutschen Kaiserreich. Durch diese 112 Jahre royaler  bayerischer Geschichte kann nun nach Herzenslust gestöbert, geblättert und gebrowst werden. Ordnende Einstiege erfolgen über die Herrscher oder einzelen Themen, Ereignisse, Personen oder Objekte. Von uns ein großes Lob für eine tolle Seite! Nicht nur Bajuwaren geht hier das Herz über, alle an der Geschichte des 19. Jahrhunderts Interessierten haben einen neuen Zielort im WWW.

http://www.hdbg.eu/koenigreich/web/index.php

 

Bismarck und die Euro-Krise

Mittwoch, den 23. November 2011 um 10:31 Uhr unter Aktuelles

Anläßlich der Präsentation des Editionsbandes von Otto von Bismarcks "Gedanken und Erinnerungen" entwickelt Sven Felix Kellerhoff in Anlehnung an den Festredner der Veranstaltung, den Bundestagspräsidenten Prof. Dr. Norbert Lammert, eine erfrischende Sicht auf Bismarcks wahrscheinliches handling der gegenwärtigen Euro-Krise. Ob die griechischen und italienischen Leser der Welt dem uneingeschränkt zustimmen, ist zwar fraglich. Zu Bismarcks ambivalentem Verhältnis zu den seinerzeitigen Mittelmeer-Königreichen passen Kellerhoffs robuste Mutmaßungen allemal.

Nüsse knacken und zum Kern der Dinge vordringen

Dienstag, den 22. November 2011 um 08:30 Uhr unter Exponat des Monats

Wilhelm Busch

Schein und Sein

 

Mein Kind, es sind allhier die Dinge,

Gleichwohl, ob große, ob geringe,

Im Wesentlichen so verpackt,

Daß man sie nicht wie Nüsse knackt.

 

Wie wolltest Du Dich unterwinden,

Kurzweg die Menschen zu ergründen.

Du kennst sie nur von außenwärts,

Du siehst die Weste, nicht das Herz.

 


 

Wie so oft haben Wilhelm Buschs (1832-1908) aphoristische Reime auch in "Schein und Sein" (hier zit. nach Friedrich Bohne (Hrsg.), Historisch-kritische Gesamtausgabe, Bd. 4, Wiesbaden-Berlin 1960, S. 393)  einen tieferen Sinn. Was auch immer wir in der Welt antreffen, will Deutschlands bekanntester humoristischer Dichter und Zeichner und Zeitgenosse Bismarcks uns sagen: nichts ist so wie es scheint. Der nicht selten schopenhauerisch düstere Niedersachse Busch schneidet damit ein grundlegendes philosopohisches Problem an. Denn hinter "Schein und Sein" verbirgt sich die Frage nach der Verhältnis von Oberfläche und tatsächlichem Gehalt, also dem wahren Inhalt der Dinge, den eigentlichen Absichten der Menschen. Sprachwissenschaftlich unterscheidet man zwischen Thema und Rhema, d.h. demjenigen, über das etwas gesagt wird, und demjenigen, was darüber gesagt wird. Und letzteres kann je nach subjektiver Betrachtung sehr vielgestaltig sein. Denn selten steckt in dem zu küssenden Frosch nur der eine verzauberte Prinz oder man erkennt wie Laokoon in der Aeneis in dem Trojanischen Pferd die versteckten Danaer/Griechen ("Quidquid id est, timeo Danaos et dona ferentes"). Oft steht man ratlos vor einer blendenden Fassade und ahnt nicht, was sich dahinter verbirgt. Und wenn, dann kann man den Verdacht nicht konkretisieren, oft sind die Vermutungen vielfältig und kein einfacher Lösungsansatz führt zu der einzig richtigen Interpretation.

Solche stichhaltigen Interpretationen komplizierter Probleme trauten die Anhänger Preußen-Deutschlands ihrem Helden Bismarck fast uneingeschränkt zu. In ihren zeitgenössischen Augen war der Ministerpräsident und Reichskanzler innen- und außenpolitisch ein glänzender politischer Analytiker. Wenn ihm mal etwas schief ging, etwa das vorsichtige prorussische Vorfühlen im Rahmen der "Mission Radowitz", blieb es der Öffentlichkeit häufig verborgen oder Bismarck verstand es, mit anderen, von seinen Apologeten stets als "weitsichtig" titulierten Taten davon abzulenken.

Der an der Edition seiner Schriften sitzende Historiker kann sich dem Eindruck eines Probleme wie Nüsse knackenden und dann zu Kern der Sache vordringenden Politkers nicht völlig erwehren. Seine oftmals umfangreichen Glossierungen zeigen Bismarck als fleißigen Diplomaten, der zu Hauf Anmerkungen mit Querverweisen, Hintergründen und Vermutungen an die Seite der ihm vorgelegten Korrespondenzen und Entwürfe schrieb. Die Bearbeitung der Vorgänge dauerte nicht selten lange. Bis ein Problem gelöst war, mußten Erkundigungen eingezogen, Hinweise überprüft und Wahrscheinlichkeiten abgewogen werden, um dann schlußendlich zum "Kern" des Geschehens vorzudringen.

Aber knackte er wirklich jede Nuß? Ist seine Innenpolitik tatsächlich immer lösungsorientiert gewesen? Oder lavierte der Kanzler nicht wiederholt unentschlossen und spielte Bevölkerungsgruppen  und -schichten gegeneinander aus, was vor allem im Falle der Sozialdemokraten und der Katholiken gründlich daneben ging? Und kann nicht auch in der Außenpolitik das verschachtelte System der Bündnisse und Koalitionen als Hilflosigkeit des um Erhalt des einmal geschaffenen mitteleuropäischen Reiches besorgten Politkers interpretiert werden? Ist es in der Folgezeit nur das Versagen Wilhelms II. gewesen, oder waren die Bismarckschen Bünde und geheimen Zusatzprotokolle nicht schon zu Zeiten seiner Regierung ein labiles, permanent vom Einsturz bedrohtes Gebäude? Hatte der europazentristische Kanzler auch nur eine weltpolitische Nuß geknackt?

Diese Fragen zu stellen ist eine legitime Aufgabe der Nachgeborenen, die daraus erwachsende Kritik sollte sich freilich an dem messen, was Bismarck und seine Zeitgenossen abzusehen in der Lage waren, d.h. welche Nüsse sie überhaupt knacken konnten. Die hartgesottensten Verehrer des Kanzlers beschwerten ihr hinwendungsvolles Gedenken allerdings nicht mit solchen hermeneutischen Zumutungen. Für sie war der robuste Pommer derjenige, der nacheinander Dänen, Österreicher, Franzosen, Katholiken, Sozialdemokraten, Polen, Elsässer und noch etliche andere aus dem Weg in eine hehre kleindeutsch-preußische Zukunft gedrängt oder zumindest in die Schranken gewiesen hatte. Seine Anstrengungen dabei werden sichtbar in den martialischen Gesichtszügen des Nußknackers, in dem sich geistige und physische Kraft symbolisch bündeln.

Neben anderen utilitaristischen Manifestierungen der Bismarck-Verehrung wie Bierseideln, Aschenbechern usw. mit seinem Konterfei ist der Nußknacker sicher einer der Gegenstände mit dem höchsten Gebrauchswert. Unsere Postmoderne Gegenwart kann kaum anders als ironisch auf das Objekt blicken, denn es eröffnet ernährungswissenschaftlich noch eine dritte Perspektive auf den hölzernen Helfer: Da Wallnüsse durch ihren hohen Fettgehalt gut für die geistigen Kräfte sein sollen, würde der Benutzer der Nußknackers beim täglichen Gebrauch sogar doppelt von der Verehrung Bismarcks profitieren: patriotisch-moralisch und kognitiv-cerebral! Solche Spitzfindigkeiten würde man Wilhelm Busch zutrauen, überliefert sind sie leider nicht.

 

Weiterführend zum Bismarck-Mythos allgemein:

Robert Gerwarth, Der Bismarck-Mythos. Die Deutschen und der Eiserne Kanzler, Berlin 2007.

 

Aus der umfassenden Literatur über Wilhelm Busch sei nur hingewiesen auf:

Ulrich Mihr, Wilhelm Busch: Der Protestant, der trotzdem lacht. Philosophischer Protestantismus als Grundlage des literarischen Werks, Tübingen 1983.

Gert Ueding, Wilhelm Busch. Das 19. Jahrhundert en miniature. Erweiterte, revidierte Neuausgabe, Frankfurt a. M./ Leipzig 2007.

Eva Weissweiler, Wilhelm Busch. Der lachende Pessimist. Eine Biographie, Köln 2007.

 

«StartZurück123WeiterEnde»
Seite 1 von 3