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Standort Friedrichsruh

 

Zugegeben, erst wollten wir uns aus der kurz aber heftig geführten Debatte über den neuen Roman von Christian Kracht heraushalten. Aber die Stoffgrundlage zwingt eine zumindest schelmische Beschäftigung mit dem anhaltenden Interesse am Mythos „Deutsche Südsee“ geradezu auf. Das gilt auch und gerade weil die heutige Rezeption des Sujets zwischen überkommenen Stereotypen und unvoreingenommen Einsichten der "neuen Kolonialgeschichte", der "post-colonial-history" sowie der allgemeinen Kultur- und Sozialgeschichte osziliert und völlig uneinheitlich ist.[1]  Und dann brachte der Spiegel auch noch eine kurze Reportage über einen unbekleideten Japaner, der seinen wohlverdienten Ruhestand unter tropischer Inselsonne im Freien verbringt! Wegen all der schönen Assoziationen aus dem Bilderkreis von Sonnenbrand, Kokosnuss und dem Rilkeschen Imperativ: "Du musst dein Leben ändern", sei hier noch einmal eine faszinierend-befremdliche Facette deutscher Kolonialgeschichte nacherzählt, die nur wegen der jüngst wieder intensiv diskutierten Zustimmung Bismarcks zum deutschem Kolonialerwerb möglich wurde. Und sich dann zwei Jahrzehnte nirgendwo anders als auf einer Insel der "Neulauenburggruppe" ereignete und ihren wichtigsten Protagonisten mehrfach in das Bezirkskrankenhaus von "Herbertshöhe" brachte! Detailliert beschrieben hat den einzigartigen (Kokos-)Holzweg in eine leuchtende Zukunft der Wuppertaler Dieter Klein.[2] Golf Dornseif, ein weiterer Kenner der Vita des Nürnberger Exzentrikers August Engelhardt, hat eine anregend illustrierte Beschreibung der kokovorischen Irrungen und Wirrungen Engelhardts verfaßt, die online nachzulesen ist.

 

Als erster war jedoch Dieter Klein auf Engelhardts melanesischen Lebensabschnitt aufmerksam geworden. Er war aus philatelistischer Sicht zunächst fasziniert von einer für 25 DM erstandenen Postkarte aus dem Jahr 1904, auf der ein unbekannter Ausgewanderter aus der Südsee nach Deutschland schrieb: "Wir leben hier permanent nackt und genießen fast nur Früchte, vor allem die heilige Kokosnuß. Was sind die Städte: Friedhöfe des Glücks und Lebens, gegen mein palmengeschmücktes, ozeanumbraustes, sonnendurchglühtes Eiland?"[3] Im Laufe seiner Recherchen verwoben sich einzelne Fäden zu einem merkwürdigen Knäuel, das im Tod des tragischen Helden auf seiner Sonneninsel mündete. Begonnen hatte das Abenteuer Engelhardts im Jahr 1902, als der aus Nürnberg stammende Aussteiger mit pharmazeutischen Kenntnissen in die Südsee aufbrach. Schon zu diesem Zeitpunkt voller lebensreformerischer Ideen von befreiender Nacktheit und heilender Fleischlosigkeit kaufte Engelhardt eine Kokos-Plantage auf der Insel Kabakon. Das Eiland gehörte zum Bismarckarchipel, die nächst größere Insel hieß nach dem seit 1871 teilweise in Bismarckschem Besitz befindlichen, ehemals dänischen Herzogtum "Neu-Lauenburg". Schon in den ersten Monaten der Ankunft und des Einrichtens in seinem Tropenparadies beargwöhnten ihn seine deutschen Mitbürger in der Kolonie. Engelhardt kümmerte sich wenig bis gar nicht um die Plantage, sondern verbrachte seine Tage leicht- bis unbekleidet mit süßem Nichtstun. Außer Kokosnüssen nahm der fränkische Asket nichts zu sich und die Mangelernährung ließ sein erhitztes Philosophieren schon bald zum reinsten Irrlichtern werden. Tropenprofis in seiner Nachbarschaft zweifelten schon früh an seinen Geisteskräften: "In zwei Jahren landet der Mann im Irrenhaus, wenn er so weiter lebt [...]", urteilte etwa der deutsche Regierungsarzt Dempwolff ahnungsvoll.

Engelhardts schriftliche Auslassungen aus dieser Zeit zeigten in der Folge, wie recht der kaiserliche Schulmediziner hatte. Die später bei Engelhardt diagnostizierte unheilbare Paranoia kündigte sich bald mit Macht an, als der Sonderling seine Lehre des Kokovorismus entwickelte. Nach der war die am weitesten der Sonne entgegengereckt wachsende Kokosnuss die alleinseligmachende Nahrungsquelle für den Menschen, ihr anti-solares Gegenstück, die Kartoffel, brachte hingegen Verderben. Außer der Nussnahrung gehörten aber noch mehr Ingredienzien zum kokovorischen Heilsbrei. Der normale Nahrungsweg über den Magen war für Engelhardt eine unreine Illusion, vielmehr ernähre sich der Mensch von Sonnenkraft, die über die Haarwurzeln aufgenommen werde. Engelhardts Credo war bestechend einfach: "Nackter Kokovorismus ist Gottes Wille. Die reine Kokosdiät macht unsterblich und vereinigt mit Gott."[4] Das Tragen von Kopfbedeckungen war für ihn daher ein unhaltbarer Frevel. Die Folgen aus diesem Bekleidungs-Leichtsinn, gepaart mit der ernährungsphysiologisch-fatalen Kokosdiät und seinen mitgebrachten religiös-lebensreformerischen Idealen schufen einen Geistes- und Bewußtseinszustand, der tödlich enden sollte. Und zwar nicht nur für Engelhardt selbst.

Sein Sendungsdrang lockte bald Nachahmer an, die den Vollmundigkeiten in den Anzeigen Engelhardts in diversen lebensreformerischen Zeitschriften vertrauten. In dem breiten Spektrum der gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstehenden Lebensreformbewegung(en) kreierte Engelhardt mit seinem vegetarischen Nudismus à la Kabakon eine neue Spielart aus Freikörperkultur und Ernährungsreform.[5] Zum naturnahen Nacktsein und der pflanzlichen Ernährung, zwei wichtigen Säulen des Reformgebäudes [6], kam noch des Hauch des Exotismus durch die Umsetzung der Ideen unter der Sonne der Tropen. Engelhardts Robinsonade auf der seit dem 19. Mai 1885 zum neuen "Bismarckarchipel" gehörenden Insel Kabakon [7] endete also bald mit der Ankunft der ersten vom ihm geworbenen Sonnenanbeter.

Der erste Kokosjünger stammte zwar von einer Insel, war den sonstigen Bedingungen auf Kabakon aber offenbar nicht gewachsen: Sechs Wochen nach seiner Ankunft war der 24jährige Helgoländer tot. Engelhardt konnte das aber nicht irre machen. Sein nächster Kommunarde war ein zeitgenössischer Prominenter. Den Kapellmeister, Klavier- und Geigenvirtuose Max Lützow führte eine Sinnsuche nach Kabakon und noch nach zwei Monaten war er restlos begeistert. Seine idealisierten Beschreibungen des Eilands in der "Vegetarischen Warte" verfehlten ihre Wirkung nicht: Engelhardts Insel wurde das Ziel etlicher Aussteiger mit fleischlosen Outdoor-Gelüsten. Allerdings hielten die Wunschvorstellungen von einem harmonischen Leben in einer tropischen Urgemeinschaft den Realitäten auf Kabakon nicht stand. Enttäuscht, ausgezehrt und krank verließ ein Kokovore nach dem anderen die Insel. Zuletzt war im Februar 1905 auch Lützow so malade, dass er fluchtartig die Insel verließ. Zu seinem Unglück geriet er mit seinem Segelboot in einen Monsunsturm, kenterte und verstarb kurz nach seiner Rettung.

 

Hippies avant la lettre: August Bethmann, unbekannte Kokovorin (die Braut Bethmanns?) und August Engelhardt unter einer Kokospalme auf Kabakon 1906 (aus: Hiery, Die Deutsche Südsee, s. Anm. 2)

 

Engelhardt selbst blieb eisern und kaute weiter Fruchtfleisch. Und das Schicksal schien ihm mit der Ankunft August Bethmanns zunächst recht zu geben. Der Naturschriftsteller war ein alter Bekannter des Sonnenapostels und rührte nun gemeinsam mit diesem die Werbetrommel. Als Engelhardts abgemagerter Körper zunehmend einen Zustand Transzendenz erreichte - er wog bei 1,66 m Körpergröße gerade noch 39 Kilo, wurde es Bethmann bange und er zwang seine missionarischen Freund zur Einlieferung ins Krankenhaus in Herbertshöhe. Die Ärzte hatten zunächst wenig Hoffnung, päppelten den Krätze- und wohl auch Leprakranken aber mit Medizin und Fleischbrühe wieder auf. Kaum konnte der Patient aber wieder auf eigenen Beinen stehen, verließ er das Hospital und beschimpfte seine Retter wegen angebllicher Mordversuche durch die Gabe von nichtpflanzlicher Nahrung. Selbst der Kokovore Bethmann wollte seinen wirren Meister nun nicht mehr um sich haben und entschloß sich Kabakon zu verlassen. Im Juni 1906 konnte er diesen Plan aber nicht mehr umsetzen, denn er starb noch auf der Insel. Dieter Klein berichtet von einem Gewalthintergrund, Engelhardt soll in heftigen Streit mit Bethmann geraten sein, bei dem es nicht nur um die kokovoren Ideale, sondern auch um Bethmanns weibliche Begleitung gegangen sein soll.

Erneut blieb Engelhardt bei seinen Plänen, konnte aber keine neuen Jünger mehr zum Verlassen Europas bewegen. 1909 gab er den Orden auf, stellte zur Bewirtschaftung der Plantage einen geschäftsführenden Teilhaber ein und wirkte fortan als Privatgelehrter. Der selbsternannte Philosoph war in Deutschland in der Zwischenzeit eine Bekanntheit geworden und die (wenigen) Südseereisenden machten nun gelegentlich einen Abstecher nach Kabakon, um den merkwürdigen Heiligen zu sehen. Im Ersten Weltkrieg war er kurzzeitig interniert, konnte sich dann aber - längst nicht mehr Eigentümer der Plantage - auf Kabakon botanischen Studien widmen. Diese blieben auf Laienniveau und waren von vornherein wohl nicht biologisch- oder pharmazeutisch-wissenschaftlich motiviert, sondern speisten sich aus Engelhardts übersinnlicher Suche nach unbekannten Heilkräften. Diese scheint er nicht gefunden zu haben, denn im Mai 1919 starben kurz nacheinander Engelhardt und sein Teilhaber. Der letzte Besitzer der Planatge warf den größtenTeil des Engelhardtschen Besitzes ins Meer.

Bei Christian Kracht lebt der Kokophage (Kokosesser) noch weiter bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg weiter. Er erlebt das Ende des europäischen, nicht nur des deutschen Kolonialismus und man fragt sich in einem Hang zu kontrafaktischer Geschichtsschreibung, wie der mittlerweile 80jährige ehemalige Nürnberger Apotheker die Welt dann wohl gesehen hätte. Nach einer Million verzehrter Kokosnüsse und fünf Jahrzehnten höchster Luxdosen auf das ungeschützte Haupt... Stoff für das Weiterspinnen seines Lebens drängt sich gerade zu auf, so dass Krachts Roman nicht der letzte sein wird [8], der sich mit diesem Exzentriker beschäftigt.

[1]  Siehe zu erstem etwa den maßlos überzogenen Verriss des Krachtschen Romans durch Georg Diez, Die Methode Kracht, in: Der Spiegel 7 (2012), S. 100 - 103. Partei für Kracht nimmt Cornelius Tittel, Wie man aus Christian Kracht einen Nazi macht, in: Die Welt vom 17. Februar 2012, ein. Abgewogen urteilt auch Christopher Schmidt, Die Ritter der Kokosnuss, in: Süddeutsche Zeitung vom 16. Februar 2012, S. 11.

[2]  Vgl. Dieter Klein, Neuguinea als deutsches Utopia: August Engelhardt und sein Sonnenorden, in: Hermann Joseph Hiery (Hrsg.), Die deutsche Südsee 1884 - 1914. Ein Handbuch, Paderborn u.a. 2001, S. 450 - 458.

[3]  Zitiert nach Jan Grossarth, Die Retter des Kokosnuss, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30. Juli 2009.

[4] Dieter Klein, Neuguinea als deutsches Utopia, wie Anm. 2, S. 452. Zu Engelhardts Sonnensekte s. weiterhin Susanne Leinemann, Der Orden der Fruchtesser, in: mare. 83 (Dezember 2010/ Januar 2011); oder Karl Baumann, Art.: Engelhardt, August, in: Biographisches Handbuch Deutsch-Neuguinea 1882-1922, 3. Aufl. Fassberg 2009, S. 123-125.

[5]  Vgl. dazu Uwe Schneider, Nacktkultur im Kaisereich, in: Uwe Puschner u. a. (Hrsg.), Handbuch zur "völkischen Bewegung" 1871 - 1918, München 1996, S. 409 - 435; Ralf Koerber, Freikörperkultur, in: Diethart Kerbs/Jürgen Reulecke (Hrsg.), Handbuch der deutschen Reformbewegungen, Wuppertal 1998, S. 103 - 114; Judith Baumgartner, Ernährungsreform, in: ebd., S. 115 - 126; Dies., Vegetarsimus, in: ebd., S. 127 - 139.

[6]  Vgl. zum Nudismus um 1900 etwa die einschlägigen Darstellungen von Michael Andritzky/Thomas Rautenberg, "Wir sind nackt und nennen uns Du". Von Lichtfreunden und Sonnenkämpfern. Eine Geschichte der Freikörperkultur, Gießen 1989; Freikörperkultur und Lebenswelt . "Studien zur Vor- und Frühgeschichte der Freikörperkultur", Kassel 1999; Giselher Spitzer, Der deutsche Naturismus. Idee und Entwicklung einer volkserzieherischen Bewegung im Schnittfeld von Lebensreform, Sport und Politik, Diss. Ahrensburg 1983.

[7]  Engelhardts "Kabakon", das außer von ihm von 40 bis 50 Melanesiern bewohnt wurde, lag als kleine Insel neben der zuvor und seit 1918 wieder "Duke-of-York"-Insel genannten Insel "Neu-Lauenburg". Die übrigen zum Bismarck-Archipel gehörenden Hauptinseln waren "Neumecklenburg" und "Neupommern". Vgl. Horst Gründer, Die historischen und politischen Voraussetzungen des deutschen Kolonialismus, in: Hermann Joseph Hiery (Hrsg.), Die deutsche Südsee 1884 - 1914. Ein Handbuch, Paderborn u.a. 2001, S. 45.

[8] Ein halbes Jahr vor Christian Kracht, Imperium, Köln 2012, erschien eine nicht minder lesenswerte literarische Bearbeitung des faszinierenden Stoffes: Marc Buhl, Das abenteuerliche Leben des August Engelhardt, Frankfurt a. M. 2011

 

Der spätere Reichskanzler fiel den akademischen Autoritäten Göttingens nicht gerade als ein mustergültiger Studiosus auf. Sein Benehmen führte rasch zur Bekanntschaft mit dem Karzer, dem universitätseigenen Gefängnis. Doch nicht nur ein Blick auf den eher unsteten Lebensstil zu seiner Studentenzeit lohnt sich, auch der später das gesamte Deutsche Reich umfassende Denkmalkult machte nicht vor der Stadt halt, mit der Bismarck auf besondere Weise verbunden war. Und so steht ein Ausspruch, den Bismarck gegenüber seinen Kommilitonen verlautbart haben soll, Pate für die beiden „Bismarck-Gesichter“, die in Bezug auf Göttingen erkennbar werden: „Ich werde entweder der größte Lump oder der erste Mann Preußens!“

 

Am 10. Mai 1832 wurde der 17-jährige Otto von Bismarck an der Georgia Augusta als Student der Rechte und Staatswissenschaften eingeschrieben. Wie schon seine Beamten- und Diplomatenkarriere von Seiten der Eltern vorbestimmt war, so entsprach die Wahl des Studienganges sowie der Universität dem Wunsch der Mutter. Die Göttinger Universität genoss einen hervorragenden Ruf, beheimatete viele berühmte Professoren und die städtische Gesellschaft galt als besonders vornehm wie weltoffen.

Die ersten zwei Semester hauste der junge Student in der Wohnung des Hauswirtes und Bäckers Justus Friedrich Schumacher, in der Roten Straße 299 (heute Rote Straße 27). Bismarck fühlte sich in seiner neuen Umgebung dabei zunächst unwohl – er beklagte sich über die polizeistaatliche Atmosphäre, das Gefühl, auf Schritt und Tritt verfolgt und beobachtet zu werden. Diese Einschätzung wandelte sich jedoch bald und im Januar 1833 bekundete er in seinen an die Familie gerichteten Briefen, er könne sich kaum einen besseren Ort als Göttingen vorstellen.

Während des kurzen Aufenthaltes an der Leine war Bismarck Mitglied des Corps Hannovera. In der schlagenden Studentenverbindung pflegte er einen rauf- und trinkfreudigen Lebensstil; seinem Bruder Bernhard gegenüber brüstete er sich mit seinen zahlreichen Erfolgen bei der Mensur, wobei er einmal eine gespaltene Nasenspitze beklagen musste. Sein nicht wirklich braves Studentenleben drückte sich zum einen im abnehmenden Besuch von Lehrveranstaltungen aus; in dieser Hinsicht setzte er die eher nachlässige Lernphase seiner Gymnasialzeit fort. Zum anderen führte gerade jener rauf- und trinkfreudige Lebensstil zu einigen Strafen für Störungen der öffentlichen Ordnung – so etwa zu einem 18-tägigen Aufenthalt im Karzer.

 

Das Corpshaus der Studentenverbindung Corps Hannovera

Das Corpshaus der Studentenverbindung Corps Hannovera


 

Karzertür im Bismarckhäuschen Graffito in der Karzertür

 

Die Tür des alten Karzers, ausgestellt im Bismarck-Häuschen; zu erkennen ist das Graffito mit Bismarcks Namen, seiner Corpszugehörigkeit und der Anzahl eingesessener Tage

 


Mitten in Göttingens Zentrum, am Wilhelmsplatz, steht das historische Aulagebäude der Georgia Augusta. Der seit 1837 genutzte Bau beinhaltet insgesamt acht Karzerräume jüngeren Datums. Sie wurden 2007 nach einem großen Spendenaufruf aufwendig restauriert und sind der Öffentlichkeit heute zugänglich – im Zuge von Stadtführungen kann der Karzer als eines der in Deutschland am besten erhaltenen Universitätsgefängnisse besichtigt werden. Die alte Zelle, in dem auch Bismarck einsaß, befand sich jedoch im ehemaligen Konzilienhaus in der Prinzenstraße und ist nicht mehr erhalten. Allerdings hat ihre Tür die Zeit überdauert und wird im so genannten Bismarckhäuschen (siehe unten) mitsamt einer auffälligen Inschrift ausgestellt: Bismarcks Name nebst dem seiner Studentenverbindung sowie der Anzahl eingesessener Tage sind hier eingeritzt. Das Graffito wird vom Kommentar „Petzer“ begleitet, der dem späteren Reichskanzler gegolten haben dürfte, jedoch ist die Echtheit dieses Zeugnisses nicht eindeutig belegt.

 

Stolz und ehern wirken diejenigen Gebäude aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, die das Bild der Universitätsstadt auch heute noch prägen. Und irgendwie passt es zum Nimbus des späteren standfesten „Eisernen Kanzlers“, dass dessen zweite Göttinger Wohnung Teil eines Bollwerkes, nämlich einer der Türme des Stadtwalls, war. Weit war die Landschaft des Leinetals, welche man von der Wallanlage aus überblicken konnte, und bei diesem außergewöhnlichen Ausblick soll Bismarck seine Wohnlage auch ausgiebig dazu genutzt haben, im Leinekanal zu baden; so berichtete es der spätere Reichskanzler schließlich selbst. Das heute als „Bismarckhäuschen“ bekannte Bauwerk entstand ursprünglich im Zuge der Errichtung einer erweiterten Stadtmauer im 14. Jahrhundert. Bereits im 17. und 18. Jahrhundert verloren die Verteidigungsanlagen an Bedeutung und wurden ab 1762/63 gegen Ende des Siebenjährigen Krieges geschleift. Die Folge war eine Umgestaltung des alten Walls zu einer Promenade und die Umfunktionierung des Turms zu einem Gartenhaus. Johann Voß, Gärtner des Göttinger „Oeconomischen Gartens“ vermietete dessen Räumlichkeiten an Studenten, so auch vom Frühjahr bis Herbst 1833 an Otto von Bismarck. Der Umzug von der Roten Straße in den Turm soll – so eine spätere Erzählung – dabei nicht ganz freiwillig zustande gekommen sein. Aufgrund der genannten Störungen der öffentlichen Ruhe sei Bismarck in die Stadtperipherie verbannt worden, um nur noch zu Studienzwecken die Innenstadt betreten zu dürfen.

Nach einigen Besitzerwechseln übernahm die Stadt zum 100. Jahrestag von Bismarcks Einzug das Häuschen, um es als Gedenkstätte zu nutzen. Als Einrichtung wählte man Mobiliar der Biedermeierzeit und schuf so den Eindruck einer bürgerlichen Wohnsituation, die es während Bismarcks Aufenthalt mit Sicherheit nicht gegeben hatte. Schließlich wurde 1985/86 das Innere des Turms neugestaltet, ohne die unglücklich gewählten Möbel und zugunsten einer einfachen Dokumentation, die heute noch begutachtet werden kann und insbesondere über die Geschichte des Häuschens, Bismarcks Studentenleben und den Denkmalkult in Göttingen informiert.

 

Das Bismarck-Häuschen am Stadtwall

Das Bismarck-Häuschen am Stadtwall

 

Doch nicht nur die Umgestaltung der Studentenbleibe blieb als Zeichen des Erinnerns in Göttingen erhalten. Im Thorner Park steht ein junger Eichenbaum, an seinem Fuße eine Gedenktafel. Beide wurden an Bismarcks 80. Geburtstag am 1. April 1895 dort platziert. Die Eiche war neben der Linde die bevorzugte Baumart, um „lebende Bismarckdenkmäler“ zu errichten – nicht zuletzt, weil sie als „typisch deutsch“ galt und eines der Wappenpflanzen der Familie Bismarck-Schönhausen ist. Das geringe Alter des Baumes im Park geht auf einen Unfall zurück, den städtische Arbeiter 2004 im Rahmen von Fällarbeiten verursachten: Ein benachbarter Baum fiel auf die Bismarck-Eiche, die derart beschädigt wurde, dass sie kurz darauf entfernt und durch einen Jungbaum ersetzt werden musste. Ein Nachtrag zur Inschrift des Gedenksteins bezeugt dieses Missgeschick.

 

Die Bismarckeiche im Thorner Park Die Schrifttafel an der Bismarckeiche

Die Bismarckeiche im Thorner Park mitsamt der ergänzten Schrifttafel

 

 

Der Bismarckturm im Göttinger WaldMitten im Göttinger Wald, auf dem Rücken eines Hügelgrats ragt ein 31 Meter großer, aus Kalkbruch- und Sandstein erbauter Turm über den Baumwipfeln hervor. Das im Burgenstil gehaltene Bauwerk wurde ursprünglich in den 1880er Jahren als Aussichtsturm angeregt; Justizrat Hermann Eckels war als Vorstandsmitglied des Göttinger Verschönerungsvereins der entscheidende Initiator. Ab März 1892 sollte die Idee in die Tat umgesetzt werden und Bismarck als Namenspatron dem Turm einerseits die zusätzliche Bedeutung eines Denkmals, andererseits dem Projekt die nötigen Geldspenden verschaffen. So wurde der Bismarck-Thurmbau-Verein gegründet und schon im Mai willigte der Reichskanzler in die Namensgebung ein. Knapp vier Jahre, vom 28. Juni 1892 bis zum 18. Juni 1896 dauerte die Bauphase nach einem Entwurf von Heinrich Gerber, der mithilfe von 43.700 Mark Spendengeldern sowie dem gestifteten Rohbau des ausführenden Maurermeisters Conrad Rathkamp verwirklicht werden konnte. In seinem Inneren finden sich neben einem Treppenaufgang, der auf die Spitze des Rundturmes führt, eine Gedächtnishalle mit Widmungstafeln der Großspender sowie eine Bismarckbüste.

Nachdem der Kult um den „Eisernen Kanzler“ am Turm selbst bis in die Zeit des Ersten Weltkrieges hinein – unter anderem mit Beleuchtungen und Kanonenschüssen an Bismarcks Geburtstagen – gepflegt wurde, verlor er seine Bedeutung als nationale Huldigungsstätte zusehends, ohne jedoch seine Popularität als Ausflugsziel einzubüßen. Bis 1952 folgten gar Plünderungen der Halle und der zunehmende Verfall der Bausubstanz, ehe sich der Göttinger Verschönerungsverein einer Sanierung annahm und 1985 weitere Erneuerungsarbeiten durchgeführt werden konnten. In dem hierdurch erreichten Zustand kann der Turm samstags, sonntags und an Feiertagen erklommen und sein Inneres besucht werden. Er dient nach wie vor als beliebtes Ausflugsziel und Aussichtspunkt, von dem aus man einen weiten Blick über Göttingen und das Leinetal genießen kann.

 

 

 

 

Der Bismarckturm im Göttinger Wald

 

 

Auch das zweite große Bismarckdenkmal Göttingens bietet einen beeindruckenden Ausblick auf Stadt und Umgebung aus erhöhter Position: Auf dem Hainberg, am nordöstlichen Stadtrand, befindet sich ein Bismarckstein - ein quadratischer Aufbau aus Kalkgestein, der durch seitliche Treppen zu einer Aussichtsfläche bestiegen werden kann. Weder seine Form noch irgendeine Abbildung erinnern an den Reichskanzler – nur eine kleine Inschrift „Gedenkstein für Otto von Bismarck. 1903“ stellt den Bezug her.

Am 10. Dezember 1899 trug der ehemalige Bürgermeister und damalige Rektor der Göttinger Universität Johannes Merkel den Wunsch seiner Studentenschaft an den neuen Bürgermeister Georg Carlsow heran, eine Bismarcksäule zu errichten. Wie auch andere solcher Säulen im Deutschen Reich, die auf das Einheitsmodell „Götterdämmerung“ des Architekten Wilhelm Kreis zurückgehen, sollte das Monument in abstrakter, entpersonalisierter Form als eine Art Feueraltar fungieren, welcher an bestimmten Tagen im Jahr (insbesondere zur Sommersonnenwende) entflammt wurde und den Kult um den zu Verehrenden in eine quasi-religiöse Sphäre hob. Carlsow und der Vorsitzende des Göttinger Verschönerungsvereins Hermann Eckels sicherten ihre Unterstützung zu und es wurde der „Verein zur Erbauung einer Bismarck-Säule bei Göttingen“ gegründet, der sich der Durchführung des Projektes annahm. Während das Vorhaben Ausdruck eines allgemeinen Aufrufs deutscher Studenten war, dem verstorbenen Altkanzler „auf allen Höhen unserer Heimat“ derartige Säulen zu errichten, kam es im Göttinger Vorhaben zu einer speziellen Abänderung der Konzeption: Für den Bau wurde die Schaffung einer Aussichtsplattform zur Bedingung gemacht und so wich die ursprüngliche Idee einer Säule nach Kreis'schem Vorbild letztlich einem sieben Meter hohen Quaderaufbau, den auf der oberen Ebene eine große Feuerschale zierte und der im Halbrund von zwölf kleinen Säulen mit Feuerschalen an ihren Spitzen umgeben war. Nachdem die ohnehin rasch unregelmäßig stattfindenden Feuerentfachungen, Lesungen und anderen Gedenkzeremonien immer seltener wurden und ähnlich wie beim Bismarckturm nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ausblieben, wurden die Säulen sowie die große Feuerschale entfernt. Im Jahr 1965 befand sich der Stein bereits in einem desaströsen Zustand, so dass eine allgemeine Diskussion über seine Zukunft entstand. Von einem Abriss, dem Ersatz durch ein Denkmal für die Opfer des Dritten Reiches bis zu einer kompletten Sanierung wurden zahlreiche Vorschläge eingebracht. Letztendlich wurde das im Volksmund aufgrund seiner Form liebevoll „Elefantenklo“ genannte Bauwerk notdürftig instand gesetzt, ehe es zwischen den Jahren 2002 bis 2005 für etwa 15.000 Euro restauriert werden konnte. Seine Wiedereröffnung erfolgte am Tag des offenen Denkmals, am 11. September 2005 – ohne Feuerschalen und -säulen. Heutzutage wird der Bismarckstein weiterhin als populärer Aussichtspunkt angesteuert, von dem aus sich ein weiter Blick hinunter auf Göttingen und seine Umgebung vor allem dann ergibt, wenn in der kalten Jahreszeit die umliegenden Laubbäume nicht die Sicht einschränken.

 

 

Der Bismarckstein (

einzige Inschrift auf dem Stein Ausblick vom Bismarckstein

Der Bismarckstein ("Elefantenklo"), seine einzige Inschrift und der Blick gen Leinetal

 

Insgesamt muss festgehalten werden, dass sich in Göttingen nach wie vor eindrucksvolle Zeugnisse darbieten, die sowohl einen der spannendsten Lebensabschnitte des jungen Bismarck als auch den reichsweit entfachten Denkmalkult um den „Eisernen Kanzler“ dokumentieren. Bei einem Ausflug in die schöne Leine-Stadt und ihre Umgebung, kann der Besucher gleich mehrere historisch authentische wie bemerkenswerte Stätten entdecken: Das Bismarck-Häuschen am Stadtwall mitsamt seiner informativen Ausstellung sowie die beiden auch im reichsweiten Vergleich durch ihre Monumentalität bestechenden Denkmäler tun sich dabei in besonderem Maße hervor.

Kein Zweifel, Bismarcks Andenken lebt in Göttingen fort und dies nicht nur an den vorgestellten historischen Stätten - auch beim Schlendern entlang der Bismarckstraße oder beim Einkehren in die Gaststätte "Fürst Bismarck" folgt man den Spuren des alten Reichskanzlers.

 

 

Straßenschild Die Kneipe

Straßenschild bei der Schillerwiese und die Gaststätte "Fürst Bismarck" in Göttingens Altstadt

 

 

 

Ein besonderer Dank gilt dem Museum "Bismarckhäuschen" für die freundliche und hilfsbereite Unterstützung der für diesen Artikel notwendigen Recherchen sowie der Anfertigung von Bildmaterial.

 

Linkliste:

 

Die Internetseiten des städtischen Museums Göttingen; im Archiv des Museums lassen sich zahlreiche Dokumente über Bismarcks Zeit in Göttingen sowie zur Baugeschichte der Denkmäler finden.

Die Webpräsenz des Göttinger Verschönerungsvereins e.V.

Zur Geschichte des Göttinger Karzers und weiteren Informationen zu Otto von Bismarck an der Georg Augusta siehe vor allem die Internetseiten der Universität Göttingen.

Webcam vor dem Bismarck-Häuschen mit 360-Grad-Aufnahmen von der Umgebung.

 

 


Göttingen auf einer größeren Karte anzeigen

Mit ihrem geschichtspolitischen Bewußtsein dürften die Radebeuler momentan in der Bundesrepublik eine Ausnahme sein. Denn wo sonst wird gerade ein Bismarckturm mit Enthusiasmus und Tatendrang restauriert, mit dem Ziel, ihn buchstäblich zu retten und der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen? Der Dresdner Vorort, in dem einst der ideenreiche Schriftsteller Karl May lebte, birgt offenbar dieses seltene Potential an bürgerschaftlichem Engagement für einen scheinbar aus dem Mode gekommenen architekturgeschichtlichen Klotz. Hier ist nicht der Ort, die Geschichte aller 234 Bismarcktürme und -säulen zu erzählen, die zwischen 1869 und 1934 in Deutschland und seinen überseeischen Kolonien errichtet wurden. Ganz sicher ist der Radebeuler Turm aber ein besonderer, denn er wurde nach einem Entwurf eines Freundes von Karl May 1907 gebaut, hat also einen doppelt-berühmten lokalgeschichtlichen Bezug. [1]

Der Architekt Wilhelm Kreis (1873-1955) lehrte von 1902 bis 1909 als Professor für Raumkunst an der Kunstgewerbeschule Dresden und zeichnete in dieser Zeit für etliche neobarocke Bauwerke verantwortlich. Kreis war ein Schüler Paul Wallots (1841-1912), der in Berlin den Reichstag und in Dresden das Ständehaus, den alten Landtag an der Brühlschen Terrasse, gebaut hatte, und wer sich die von Kreis stammende neue Friedrich-August-Brücke (sie ersetzte die alte Augustusbrücke) anschaut, erkennt die ästhetische Verwandtschaft. Gemeinsam mit dem Illustrator der Karl-May-Bände, Sascha Schneider, weilte Kreis häufiger bei May in der idyllischen Weinstadt Radebeul, die damals noch vor dem Toren der Landeshauptstadt lag. Bei solchen Gelegenheiten mag Kreis in Berührung mit örtlichen Honoratioren gekommen sein, denen er als Referenz schon seinen Entwurf für den 1906 begonnenen Bismarck-Turm in Jena, auf dem Malakoff des Tatzend, vorzeigen konnte. Die Radebeuler waren offenbar überzeugt und setzten den Bau rasch in die Tat um. Am 30. April 1906 wurde der Grundstein gelegt und bereits am 2. September konnte die Einweihung gefeiert werden; die Jenenser bauten noch bis 1909 weiter!

Verzichtet wurde damals allerdings auf den Einbau einer Treppe, obwohl das Projekt 1913 noch einmal ernsthaft diskutiert wurde. Geldknappheit, der bald einsetzende Erste Weltkrieg und die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in dessen Folge verhinderten die Umsetzung einer Aufstiegsmöglichkeit. Diese soll bei den Restaurierungsentwürfen der Jahre 2011/12 endlich realisiert  werden. Durch ein Schiebedach soll man auf den 18 m hohen Turm treten und den Rundblick ins Elbtal und die Radebeuler und Lößnitzer Weinberge genießen können. Verantwortlich für die Pläne zeichnet der Verein für Denkmalpflege und neues Bauen Radebeul. Seit 2007 versucht er die Idee in die Tat umzusetzen, den Turm wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Stolze 210.000 Euro sollen eingeworben werden, um das alte Gemäuer zu stabilisieren und vom Fundament bis zur Spitze begehbar zu machen. Die kühnen Radebeuler Restaurateure planen zudem als Highlight eine Videoinstallation, die von der Turmspitze aufgezeichnete Bilder mit Impressionen aus der Geschichte Radebeuls mischt und auf einer ringförmigen Projektionsfläche an den Innenwänden des Turms sichtbar macht. Hier sieht man buchstäblich die begeisterten sächsischen Ingenieure vor sich, die das Industrie- und Wissenschaftsland seit 200 Jahren prägen! [2] Der Turm wird wie viele andere Bismarcktürme verschließbar sein, allein schon um Vandalismus zu verhindern. Ein Verein soll sich schließlich um den Betrieb der Immobilie kümmern. Bis 2015, dem auch in diesem Hause freudig entgegen gesehenen 200. Geburtstag Otto von Bismarcks, sollen die Vorhaben in die Tat umgesetzt werden.

Um diesen hochfliegenden Plänen eine solide Grundlage geben zu können, sind die Sachsen auf Spenden angewiesen, die etwa durch Stifterbriefe eingeworben werden sollen. Die wissenschaftliche Bismarckforschung kann diese gegenwartsbezogene Initiative um einen erinnerungs- und geschichtspolitischen Ort der kaiserzeitlichen Bismarckverehrung- und verklärung nur begrüßen. Erfolg und Glück wünscht der Autor freilich auch, weil er als gebürtiger Dresdner dem Radebeuler Turm näher steht als vielen der übrigen 233 Bismarcktürme.

[1] Im Referenzwerk zum Thema  (Günter Kloss/Sieglinde Seel, Bismarcktürme und Bismarcksäulen. Eine Bestandsaufnahme, Petersberg 1997, S. 134) ist unter der hier verwendeten Abbildung das Jahr 1985 angegeben, mitten in der Sachsen- und Preußenrenaissance also, die in den 1980er Jahren nicht zufällig parallel zum Herbst der sozialistischen Diktatur aus dem wiedererstarkten Heimatbewußtsein vieler DDR-Bürger entstand. Vgl. Ulf Morgenstern, Sächsische (Dis-)Kontinuitäten und die "Sachsenrenaissance". Von Verschwinden und Wiederkehr Sachsens in den vier Jahrzehnten der DDR, in: Konstantin Hermann (Hrsg.), Sachsen seit der Friedlichen Revolution. Tradition, Wandel, Perspektiven (=Saxonia. Schriften des Vereins für sächsische Landesgeschichte, Bd. 12), Beucha 2010, S. 28-45.

[2] Dem Artikel der Sächsischen Zeitung "Sifterbriefe sollen Bismarckturm retten" vom 17. Februar 2012 sind die Namen von fünf Radebeuler Architekten und Statikern zu entnehmen, die bereits Vorentwürfe geleistet haben. Sie seien neben dem Vorsitzenden des Denkmalschutzvereins Jens Baumann ausdrücklich genannt: Klaus Löschner, Thomas Scharrer, Hans Dieter Blanek, Henning Liebau und Gunar Richter.

Wilhelm Busch

Schein und Sein

 

Mein Kind, es sind allhier die Dinge,

Gleichwohl, ob große, ob geringe,

Im Wesentlichen so verpackt,

Daß man sie nicht wie Nüsse knackt.

 

Wie wolltest Du Dich unterwinden,

Kurzweg die Menschen zu ergründen.

Du kennst sie nur von außenwärts,

Du siehst die Weste, nicht das Herz.

 


 

Wie so oft haben Wilhelm Buschs (1832-1908) aphoristische Reime auch in "Schein und Sein" (hier zit. nach Friedrich Bohne (Hrsg.), Historisch-kritische Gesamtausgabe, Bd. 4, Wiesbaden-Berlin 1960, S. 393)  einen tieferen Sinn. Was auch immer wir in der Welt antreffen, will Deutschlands bekanntester humoristischer Dichter und Zeichner und Zeitgenosse Bismarcks uns sagen: nichts ist so wie es scheint. Der nicht selten schopenhauerisch düstere Niedersachse Busch schneidet damit ein grundlegendes philosopohisches Problem an. Denn hinter "Schein und Sein" verbirgt sich die Frage nach der Verhältnis von Oberfläche und tatsächlichem Gehalt, also dem wahren Inhalt der Dinge, den eigentlichen Absichten der Menschen. Sprachwissenschaftlich unterscheidet man zwischen Thema und Rhema, d.h. demjenigen, über das etwas gesagt wird, und demjenigen, was darüber gesagt wird. Und letzteres kann je nach subjektiver Betrachtung sehr vielgestaltig sein. Denn selten steckt in dem zu küssenden Frosch nur der eine verzauberte Prinz oder man erkennt wie Laokoon in der Aeneis in dem Trojanischen Pferd die versteckten Danaer/Griechen ("Quidquid id est, timeo Danaos et dona ferentes"). Oft steht man ratlos vor einer blendenden Fassade und ahnt nicht, was sich dahinter verbirgt. Und wenn, dann kann man den Verdacht nicht konkretisieren, oft sind die Vermutungen vielfältig und kein einfacher Lösungsansatz führt zu der einzig richtigen Interpretation.

Solche stichhaltigen Interpretationen komplizierter Probleme trauten die Anhänger Preußen-Deutschlands ihrem Helden Bismarck fast uneingeschränkt zu. In ihren zeitgenössischen Augen war der Ministerpräsident und Reichskanzler innen- und außenpolitisch ein glänzender politischer Analytiker. Wenn ihm mal etwas schief ging, etwa das vorsichtige prorussische Vorfühlen im Rahmen der "Mission Radowitz", blieb es der Öffentlichkeit häufig verborgen oder Bismarck verstand es, mit anderen, von seinen Apologeten stets als "weitsichtig" titulierten Taten davon abzulenken.

Der an der Edition seiner Schriften sitzende Historiker kann sich dem Eindruck eines Probleme wie Nüsse knackenden und dann zu Kern der Sache vordringenden Politkers nicht völlig erwehren. Seine oftmals umfangreichen Glossierungen zeigen Bismarck als fleißigen Diplomaten, der zu Hauf Anmerkungen mit Querverweisen, Hintergründen und Vermutungen an die Seite der ihm vorgelegten Korrespondenzen und Entwürfe schrieb. Die Bearbeitung der Vorgänge dauerte nicht selten lange. Bis ein Problem gelöst war, mußten Erkundigungen eingezogen, Hinweise überprüft und Wahrscheinlichkeiten abgewogen werden, um dann schlußendlich zum "Kern" des Geschehens vorzudringen.

Aber knackte er wirklich jede Nuß? Ist seine Innenpolitik tatsächlich immer lösungsorientiert gewesen? Oder lavierte der Kanzler nicht wiederholt unentschlossen und spielte Bevölkerungsgruppen  und -schichten gegeneinander aus, was vor allem im Falle der Sozialdemokraten und der Katholiken gründlich daneben ging? Und kann nicht auch in der Außenpolitik das verschachtelte System der Bündnisse und Koalitionen als Hilflosigkeit des um Erhalt des einmal geschaffenen mitteleuropäischen Reiches besorgten Politkers interpretiert werden? Ist es in der Folgezeit nur das Versagen Wilhelms II. gewesen, oder waren die Bismarckschen Bünde und geheimen Zusatzprotokolle nicht schon zu Zeiten seiner Regierung ein labiles, permanent vom Einsturz bedrohtes Gebäude? Hatte der europazentristische Kanzler auch nur eine weltpolitische Nuß geknackt?

Diese Fragen zu stellen ist eine legitime Aufgabe der Nachgeborenen, die daraus erwachsende Kritik sollte sich freilich an dem messen, was Bismarck und seine Zeitgenossen abzusehen in der Lage waren, d.h. welche Nüsse sie überhaupt knacken konnten. Die hartgesottensten Verehrer des Kanzlers beschwerten ihr hinwendungsvolles Gedenken allerdings nicht mit solchen hermeneutischen Zumutungen. Für sie war der robuste Pommer derjenige, der nacheinander Dänen, Österreicher, Franzosen, Katholiken, Sozialdemokraten, Polen, Elsässer und noch etliche andere aus dem Weg in eine hehre kleindeutsch-preußische Zukunft gedrängt oder zumindest in die Schranken gewiesen hatte. Seine Anstrengungen dabei werden sichtbar in den martialischen Gesichtszügen des Nußknackers, in dem sich geistige und physische Kraft symbolisch bündeln.

Neben anderen utilitaristischen Manifestierungen der Bismarck-Verehrung wie Bierseideln, Aschenbechern usw. mit seinem Konterfei ist der Nußknacker sicher einer der Gegenstände mit dem höchsten Gebrauchswert. Unsere Postmoderne Gegenwart kann kaum anders als ironisch auf das Objekt blicken, denn es eröffnet ernährungswissenschaftlich noch eine dritte Perspektive auf den hölzernen Helfer: Da Wallnüsse durch ihren hohen Fettgehalt gut für die geistigen Kräfte sein sollen, würde der Benutzer der Nußknackers beim täglichen Gebrauch sogar doppelt von der Verehrung Bismarcks profitieren: patriotisch-moralisch und kognitiv-cerebral! Solche Spitzfindigkeiten würde man Wilhelm Busch zutrauen, überliefert sind sie leider nicht.

 

Weiterführend zum Bismarck-Mythos allgemein:

Robert Gerwarth, Der Bismarck-Mythos. Die Deutschen und der Eiserne Kanzler, Berlin 2007.

 

Aus der umfassenden Literatur über Wilhelm Busch sei nur hingewiesen auf:

Ulrich Mihr, Wilhelm Busch: Der Protestant, der trotzdem lacht. Philosophischer Protestantismus als Grundlage des literarischen Werks, Tübingen 1983.

Gert Ueding, Wilhelm Busch. Das 19. Jahrhundert en miniature. Erweiterte, revidierte Neuausgabe, Frankfurt a. M./ Leipzig 2007.

Eva Weissweiler, Wilhelm Busch. Der lachende Pessimist. Eine Biographie, Köln 2007.

 

Brandenburgische Fregatte „Der Kurprinz“

Schiffsmodell, Fregatte aus Silber, 1885

(15,0 x 6,0 x 15,0 cm) auf Marmorsockel (25,5 cm x 13 cm x 4,5, cm) Bismarck-Museum, Friedrichsruh

 

Otto von Bismarcks diplomatisches und geographisches Weltbild war durch seine lebensweltliche Prägung und außenpolitische Berufserfahrung weitgehend auf den europäischen Kontinent und dessen Mächte, nicht aber deren kolonialen Besitz konzentriert. Nur zögerlich gab er 1884 seine Zustimmung zur Errichtung von deutschen Schutzgebieten. Das Reich sollte hierbei lediglich in bescheidenem Maße die Interessen seiner Handel treibenden Bürgern schützen, sofern dies nicht auf den tatsächlichen Erwerb von Kolonien hinauslief, deren Ausbau, Schutz und Erhalt ihm nicht nur als zu teuer, sondern für sein preußisch-deutsches Kaiserreich schlicht unrentabel erschienen. Bismarcks Reserve gegenüber einer außereuropäischen Expansion der von ihm im Namen seines greisen Kaisers geführten Großmacht hatte also zum einen diplomatisch-taktische Gründe; er wollte kein weiteres Konfliktfeld mit den vertraglich eingehegten Nachbarmächten eröffnen, zumal wenn außer nationalistisch-großsprecherischem Prestige kein weiterer Nutzen zu erwarten war. Andererseits erging es dem pommerschen Junker in der Frage der Kolonien ebenso wie bei manchem sozialpolitischen Problem wie bei den der Sozialdemokratie in die Arme laufenden Fabrikarbeitermassen der industriellen Ballungsräume: Ihm verschlossen sich schlicht gewisse Dimensionen von Entwicklung, da sie sich nicht mit seiner Sozialisation in der im Grunde noch ständisch-grundherrschaftlich geprägten Heimat des ländlichen Pommerns in Einklang bringen ließen. Zugespitzt formuliert lauteten die erstaunten Fragen des Gutsbesitzers Bismarck: „Wieso fügen sich die Lohnarbeiter des Ruhrgebietes nicht dem fürsorgenden Willen der Fabrikbesitzer?“ und „Was soll mich an afrikanischen Wüsten interessieren, wenn der preußische Landesausbau in der Provinz Schlesien weiterhin Probleme birgt?“ Freilich, ganz so naiv sah der Reichskanzler die Dinge nicht, jedoch war seine Analyse außen- und innenpolitischer Fragestellungen bei allem rationalen Kalkül nie frei von einer romantisierenden ostelbischen Sicht auf die deutsche Gesellschaft und ihren Platz in der Welt.

Genau an dieses altpreußische Grundgefühl appellierte ein Geschenk, das der Fürst zu seinem 70. Geburtstag am 1. April 1885 vom Grafen und der Gräfin Heinrich von Pückler erhielt. Heinrich Graf Pückler (1835-1897, Deutschkonservatives MdR 1890-1893) war der Neffe des berühmten Reisenden und Landschaftsarchitekten Hermann von Pückler-Muskau (1785 - 1871). Die Gräfin war eine geborene Baronne de Constant-Rebeque (geb. 1835 in Lausanne), die die Herrschaft Mezery, Waadtland, mit in die Ehe brachte. 1873 hatte Pückler vergeblich für den preußischen Landtag kandidiert. Gegen Ende der 1880er Jahre saß er im Posener Provinziallandtag und erhoffte sich Chancen auf ein Mandat im Reichstag, das er für seinen Heimatkreis Kottbus-Spremberg schließlich auch errang. Bismarcks Hilfe kann hierbei wohl ausgeschlossen werden, geschadet hat dem begüterten Major der Reserve das Wohlwollen des Reichskanzler aber mit Sicherheit auch nicht. Bei dem Geschenk handelt sich um ein Modell der alten Brandenburgischen Fregatte „Kurprinz“ (oder „Churprinz“), die in den ersten Anfängen der Brandenburgischen Seefahrtsgeschichte für den großen Kurfürsten segelte. Da es drei Schiffe mit diesem Namen gab, ist nicht eindeutig festzustellen, welche der rund zweihundert Jahre alten brandenburgischen Fregatten die Pücklers im Sinn hatten. Das erste, zwischen 1661 und 1664 segelnde „Kurprinz“ scheidet wegen relativer Bedeutungslosigkeit aus. Bei den beiden jüngeren ist eine individuelle Zuordnung ebenfalls schwierig (und wie zu zeigen sein wird aber auch müßig), denn symbolisch kamen beide in Betracht.

Die zweite Fregatte „Kurprinz“ oder „Kurprinz von Brandenburg“ hatte im Laufe ihrer Zeit (1674 bis 1685) zwischen 16 und 32 Kanonen an Bord; die Bismarck geschenkte Miniatur-„Kurprinz“ verfügt über 15 auf jeder Seite, liegt also im Bereich des Wahrscheinlichen. Auch den Originalmaßen von 110 Fuß Länge und 26 Fuß Breite wird das Modell ungefähr gerecht. Den später in Preußen geltenden Rheinfuß von 313,85 Millimeter zugrunde gelegt ergeben sich 34,5 x 8,2 Meter. Die Besatzung ist nicht nachgebildet, bei einem Gewimmel von 100 bis 170 Mann an Bord wäre die Vielzahl an Figuren auf Deck aber handwerklich auch sehr schwierig umzusetzen gewesen. Modell und historisches Vorbild verfügen über drei Masten, an denen des kleineren Nachbaus ist eine wirre Takelage aus Silberfäden befestigt. Das Otto von Bismarcks Söhne Herbert und Wilhelm 1885 schon 36 bzw. 33 Jahre alt waren, ist davon auszugehen, dass die Enkel des Fürsten oder andere Kinder in seinem Hause den Seilen und Tauen durch ausgiebiges Spielen zusetzten, bevor das Fahrzeug in das Bismarck-Museum kam.

Nach europäischen Fahrten war die „Kurprinz“ 1683 an der Gründung von „Groß-Friedrichsburg“ in Guinea beteiligt, quer über den Atlantik segelte sie in die Karibik und kehrte gegen Ende 1683 zurück; im Oktober 1685 wurde es verkauft.

Zu diesem Zeitpunkt war die zweite „Kurprinz“, auch „Großer Afrikaner“ genannt und wahrscheinlich das marinehistorische Referenzobjekt der Schenker des Jahres 1885, bereits fertiggestellt. Diese Fregatte wurde seit 1684 in Berlin gebaut und war mit 113 x 27 Fuß, d.h. 35,9 x 8,6 Metern unwesentlich größer als ihr Vorgängerschiff. Sie hatte bis zu ihrem Verkauf 1694 zwischen 20 und 36 Kanonen an Bord und war für 150 bis 170 Mann Kriegsbesatzung konzipiert; das Gewimmel dürfte bei maximaler Anzahl an Crewmitgliedern also ähnlich groß gewesen sein. Über die Geschicke des Schiffes ist in den ersten Jahren nach seiner Indienstnahme wenig in Erfahrung zu bringen. Nachweisen läßt sich die Fregatte erst wieder 1691 in Emden (von dort gegen Hamburg) und im Juni 1692 in der westafrikanischen Küstenstadt Arguin (port. Arguim) im heutigen Mauretanien, von wo sie Sklaven auf die von Dänemark gepachtete Antilleninsel St. Thomas (zu den Jungferninseln gehörend) brachte. 1693 befand sich die „Kurprinz“ wieder in Emden, wo sie der kurfürstliche Besitzer ein Jahr später verkaufte.

Hinter diesen nüchternen Zahlen und Fakten steckt eine spannende Episode hohenzollernscher Seefahrtsgeschichte, die lange vor den deutlich bekannteren Flottenrüstungen des wilhelminischen Preußen des ausgehenden 19. Jahrhunderts stattgefunden hatte.

Der wichtigste Mann hinter den früheren Fahrten in Ostsee, Nordsee und Atlantik war Benjamin Raule (1634–1707). Als Sohn hugenottischer Einwanderer aus Frankreich im zeeländischen Middelburg geboren hatte er es als Ratsherr und Reeder bald zu Ansehen und Wohlstand gebracht, verlor jedoch seine Besitztümer im Englisch-Niederländischen-Französischen Krieg. 1675 wanderte er nach Brandenburg aus und bot seine Dienste dem Kurfürsten an. Durch erfolgreiche Kaperfahrten gegen die Schweden fand er dessen anhaltende Unterstützung. Seit 1677 war Raule Oberdirektor in allen brandenburgischen Seesachen, die freilich noch überschaubar waren, unter ihm aber einen raschen Aufschwung nahmen. Von Pillau aus war maßgeblich für das maritime Eingreifen Brandenburgs in den Schwedischen Krieg (1675–1679) und die Beteiligung am französischen Kaperkrieg gegen Spanien (1679–1681) verantwortlich. An beiden Unternehmungen war die „Kurprinz“ beteiligt, bei den Fahrten gegen die die Spanier segelte die Fregatte immerhin über den Atlantik nach Westindien, also in die Karibik.

Die Erfolge blieben trotz einiger aufgebrachter spanischer Schiffe insgesamt mäßig, was nicht wundert, verfügte der Kurfürst von Brandenburg im Jahr 1679 doch lediglich über 14 Schiffe (von Fregattengröße abwärts bis zu Jachten), von denen allerdings nur einige ihm selbst gehörten (1676 waren es immerhin 28 gewesen und bis 1688 stieg die Zahl wieder auf 32 an). An den übrigen Schiffen war der Hohenzoller nur mit Soldatenbesatzungen beteiligt.

Auf Raules Betreiben rüstete der Große Kurfürst 1680 eine kleine Flotte, die sich in Guinea festsetzen konnte und dort gegen die Holländer bis 1727 das Fort „Groß-Friedrichsburg“ halten konnte. Im Juli 1682 sandte Friedrich Wilhelm von Brandenburg die erste Expedition zur Gründung einer afrikanischen Kolonie aus. Sie wurde dem Kammerjunker Major Otto Friedrich von der Gröben (1657-1728) unterstellt und bestand aus den Schiffen „Churprinz“ mit 32 Geschützen und 60 Seeleuten unter Kapitän de Voß und „Morian“ mit 12 Geschützen und 40 Seeleuten unter Kapitän Blonck. Begleitend hatte der umtriebige Raule nach englischem und vor allem niederländischem Vorbild 1682 die „Brandenburgisch-Afrikanische Compagnie“ gegründet. 1684 verfügte diese über ca. 30 Handels- und 10 Kriegsschiffe, Sitz des die kolonialen Bestrebungen unterstützenden Unternehmens war zunächst Königsberg, später das für Atlantikfahrten ungleich günstiger gelegene Emden.

Zur Besatzung der kleinen Kolonie gehörten neben Offizieren und Soldaten für Verteidigung und Ausbau auch Ingenieure für die Konzeption der Fortifikationsanlagen an der Goldküste. Am 1. Januar 1683 hißte der Major Friedrich von der Gröben (1657–1728) auf dem „Kap der drei Spitzen“ („Cape Three Points“) die kurbrandenburgische Fahne, den Roten Adler. Auf einem nach dem Landesvater Groß-Friedrichsberg genannten Berg wurde im heutigen Ghana die Feste „Groß-Friedrichsburg“ gegründet, einer der Kapitäne wurde als Kommandant eingesetzt. Um den Dreieckshandel mit Sklaven, Zuckerrohr und billigen europäischen Massengütern systematisch ausbauen zu können, war die Gründung weiterer Stützpunkte nötig. Dabei handelte es sich um Arguin, weiter nördlich in Mauretanien, und St. Thomas in der Karibik.

In den erfolgreichen Anfangsjahren der Kolonie stieg Raule, der die Dinge von Emden aus lenkte, zu höchstem Ansehen bei seinem Kurfürsten auf. In Berlin baute er sich eine prächtige Residenz auf dem Gelände des heutigen Tiergartens. Als er in der Gunst der Nachfahren des Großen Kurfürsten sank, sollte er zum zweiten Mal in seinem Leben alles verlieren. 1898 wanderte er wegen zweifelshaften Geschäftspraktiken in die Zitadelle von Spandau, und auch nach seiner Freilassung im Mai 1702 lebte er in Emden und Hamburg unter ärmlichen Bedingungen, 1707 starb er nach langer Krankheit.

Auch wenn von seinem Werk wenig blieb, da die Holländer der Brandenburgischen Kolonie spätestens im Jahr 1727 ein Ende bereiteten, gehörte die kurze überseeische Expansion Brandenburgs an der Wende zum 18. Jahrhundert traditionell zum Stoffkanon preußischer Schüler. In ihrer mythischen Verklärung durch nachgeborene Generation, vor allem im historisierenden 19. Jahrhundert, ist die afrikanisch-karibische Episode der Hohenzollern vielleicht vergleichbar mit der etwa zeitgleich errungenen und nur unwesentlich länger verteidigten polnischen Königskrone durch die sächsischen Kurfürsten.

Daß auch Otto von Bismarck als Schüler mit den Fahrten der brandenburgischen Fregatten vertraut gemacht wurde, darf als sicher angenommen werden. Ob ihm der Name der „Kurprinz“ auf den ersten Blick etwas sagte, spielt bei dem Geschenk keine Rolle, denn von allen kurbrandenburgischen Schiffen besaß er für die königstreue Vorstellungswelt Bismarcks die größte Suggestivkraft. Mit dem Griff in die Geschichte wollten die Pücklers dem zögernden Kanzler die Weitsicht und Tragweite seiner Befürwortung kolonialer Unternehmungen verdeutlichen und ihnen ein dynastiespezifisches Pathos verleihen. Ob dem Fürsten das Geschenk gefallen hat und für wie gelungen er den aus heutiger Sicht reichlich einfach anmutenden kunsthistorisch-geschichtspolitischen Wink hielt, ist nicht überliefert. Dass der auf seine „Freigabe“ hin einsetzende koloniale Besitzerwerb des Kaiserreichs aber nur reichlich drei Jahrzehnte (1885 bis 1918) und somit deutlich kürzer als die kleineren kurbrandenburgischen Fleckchen in der außereuropäischen Welt (1683 bis 1727) in der Hand Berlins bleiben sollte, konnten weder Bismarck noch der Graf und die Gräfin Pückler ahnen.

 

weiterführende Lektüre zu brandenburgischen Seefahrt:

Eißenhardt, Franz, Aus der Vorzeit der brandenburgisch-preußisch-deutschen Flotte bis zum Auftreten Benjamin Raules, in: Marine-Rundschau, 13. Jg. (1902), S. 275-279.

Gloger, Bruno, Friedrich Wilhelm - Kurfürst von Brandenburg, Biographie, Berlin (Ost) 1985.

Heinrich, Gerd (Hrsg.), „Ein sonderbares Licht in Teutschland“. Beiträge zur Geschichte des Großen Kurfürsten von Brandenburg (1640–1688), Berlin 1990.

Heyden, Ulrich van der, Rote Adler an Afrikas Küste. Die brandenburgisch-preußische Kolonie Großfriedrichsburg in Westafrika, Berlin 2001.

Hüttl, Ludwig, Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der Große Kurfürst 1620–1688. Eine politische Biographie, München 1984.

Kellenbenz, Hermann, Die Brandenburger auf St. Thomas, in: Jahrbuch für Geschichte von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft Lateinamerikas 2 (1965), S. 196–217.

Petsch, Kurt, Seefahrt für Brandenburg-Preußen, 1650-1815. Geschichte der Seegefechte, überseeischen Niederlassungen und staatlichen Handelskompanien, Osnabrück 1986.

Poten, Bernhard von, Raule, Benjamin, in: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB), Bd. 27, (1888), S. 398–401.

Radtke, Wolfgang, Die preußische Seehandlung zwischen Staat und Wirtschaft in der Frühphase der Industrialisierung, Berlin 1981.

Richter, Julius Wilhelm Otto, Benjamin Raule, der General-Marine-Direktor des Großen Kurfürsten. Ein vaterländisches Zeit- und Charakterbild aus der zweiten Hälfte des siebenzehnten Jahrhunderts, Jena 1901.

Schoepp, Meta, Benjamin Raule, des Grossen Kurfürsten grosser Marinedirektor, Düsseldorf 1941.

Szymanski, Hans, Brandenburg-Preußen zur See 1605–1815. Ein Beitrag zur Frühgeschichte der deutschen Marine, Leipzig 1939.

Weindl, Andrea, Die Kurbrandenburger im "Atlantischen System" 1650 - 1720, Köln 2001.

 

zum Grafen Pückler:

Haunfelder, Bernd, Die Konservativen Abgeordneten des deutschen Reichstags 1871 - 1918. Ein biographisches Handbuch, Münster 2010, S. 216.

Gothaisches Genealogisches Taschenbuch der Gräflichen Häuser, Gotha 1917.

 

Rauch- oder Schreibservice, um 1885
16,00 x 14,00 x 15,00 cm
Elfenbein, Ebenholz
Bismarck-Museum, Friedrichsruh

Einem glühenden Verfechter des Erwerbs von Kolonien, dem Afrikareisenden Eugen Wolf, begegnete Otto von Bismarck mit dem lakonischen Satz: „Ihre Karte von Afrika ist ja sehr schön, aber meine Karte von Afrika liegt in Europa. Frankreich liegt links, Russland liegt rechts, in der Mitte liegen wir.

Das ist meine Karte von Afrika.“ Diese Äußerung aus dem Jahr 1888 zeigt, wie sehr der Reichskanzler auch 17 Jahre nach der Gründung noch immer um den Bestand und Erhalt des vom ihm geschaffenen Deutschen Kaiserreiches besorgt war.

Bismarck als Reichskanzler
Franz von Lenbach (1836-1904)
Öl/Leinwand, 1370 x 995 cm
bez. "1880";
Bismarck-Museum Friedrichsruh

„Unsere Enkel werden diese Männer mit den Augen Lenbachs sehen“, würdigte Gustav Pauli 1904 die stets umstrittene gründerzeitliche Porträtkunst Franz von Lenbachs. Keinen betrifft dieses hellsichtige Bonmot mehr als den bereits zu Lebzeiten als Reichsgründer verehrten Otto von Bismarck. Lenbach prägte das Image Bismarcks, diese faszinierende Mischung aus stattlicher Physis gepaart mit stetig wechselndem psychischem Gemütszustand, der sich nicht selten im fokussierten Blick des Malers auf die Gesichtszüge des Porträtierten wiederspiegelte. Vor überwiegend dunkler Kulisse tritt die „Architektur des gewaltigen Schädels“ [Richard Muther] umso deutlicher hervor.

Konvolut von 20 Fotografien, aufgezogen, in blauem Schuber.
Fotograf: Arthur Mennell.
Verlag:
Literarische Gesellschaft Leipzig.
Erscheinungsjahr:
1892.

Bereits vor seiner Entlassung aus dem Amt des Reichskanzlers zählte Bismarck zu den begehrtesten Motiven der Porträtfotografie. Die persönliche wie politische Zäsur des Jahres 1890 markierte jedoch auch bildnerisch einen Wendepunkt. Eine wahre Flut von Porträt- und – immer stärker – auch Momentaufnahmen ergoss sich in die Öffentlichkeit, die „unersättlich in dem Verlangen nach Abbildungen des großen Mannes“ schien – zumindest in den Augen von Bismarcks „Hofblatt“, den „Hamburger Nachrichten“. Unzählige Fotografen, insbesondere aus der nahe gelegenen Elbmetropole, lauerten dem „Alten vom Sachsenwalde“ bei jeder nur denkbaren Gelegenheit auf und boten ihre Schnappschüsse auf dem wachsenden Markt der Bismarckverehrung an.